WohNgefühl des Gemütlichen

Die neue Gemütlichkeit steht hoch im Kurs. War früher der Begriff des Gemütlichen mit altbackenen, festgefahrenen Assoziationen der Langeweile belegt, so hat heute die gemütliche Gestaltung des Wohnumfelds durchweg Priorität. Denn selbst der fortschrittlichste Neo-Avantgardist und der juvenile Trendsetter wollen keinesfalls ungemütlich wohnen. Im Fragebogen der Wohngestaltungs-Hitlisten folgt Helligkeit und Tageslicht. Das steht nicht im Widerspruch zur Gemütlichkeit, denn schließlich ist schon längst nicht mehr die Rede von Eiche rustikal mit abgehangener schwerer Holzdecke. Bei dem Gedanken alleine meldet sich ein lähmender Druck auf dem Kopf. Hier schiebt sich ein neuer Begriff immer wieder in den Kontext, der den trendy Denkenden einen Brückenschlag zum alten, etwas altmodischen Begriff der Gemütlichkeit ermöglichen soll: Wellness. Also Wohlfühlen. Immer häufiger findet man diesen im Bereich Badezimmer. Da macht er aus Sinn und wird verstanden, denn hier ist eine Begriffsidentität des Neoanglizismus sinnvoll. In der Küche oder im Arbeitszimmer wird es schwieriger, den Begriff Wellness unterzubringen.

Abgeschlagen findet sich in dem Zusammenhang der Innenarchitektur der Begriff der Funktionalität. Natürlich soll alles um uns herum funktionieren und möglichst praktisch an Ort und Stelle seinen Dienst tun. Dies steht außer Frage. So sehr, dass selbstverständlich teure Möbel ihren Zweck erfüllen. Erfüllen müssen. Aber nichts ist ohne Design, ohne Linie und formvollendetem Stil. Die klinische Hygiene im Style ist out. Ein Crossover des Stils ist dann erlaubt, wenn Identität und ein haltendes Gestaltungsband erkennbar bleiben. Stil für den Raum, Raum für Style. So ist die individuelle Einrichtung möglich. Wir wollen uns wohlfühlen in unserer direkten Umgebung, auch wenn ein Einzelstück weder teuer, wertvoll noch einer Designikone gleicht, sondern uns lediglich wichtig ist. Und dessen einzige Bestimmung der Transport von Erinnerungen ist. Gerade dann, wenn der gebeugte Rücken von der Last des Alltags schmerzt, brauchen wir die Geborgenheit der eigenen Höhle, des Nests, in das wir uns bequem und gemütlich zurückziehen können. Wir bauen uns unser eigenes Wohngefühl, in dem wir leben möchten. Im Bewusstsein perfekter Harmonie ist die europäische Gemütlichkeit das Pendant des asiatischen Feng Shui. Anders als in südlichen Sphären schlägt uns das Wetter gerne auch mal unfreundlich nass-kalt entgegen, so dass bereits unsere Ahnen die Vorteile von wind- und wettergeschützter Wärme erkannten und zu benennen wussten. Unser Gemüt erholt sich am besten in der Geborgenheit, Vertrautheit und dem Wissen um die Existenz der eigenen vier Wände.

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