Wie Hamster im Laufrad

Schneller und schneller dreht sich das Rad, ohne Pause, ohne Zeit zum Verschnaufen- ein Leben voller Stress und Druck. So wird derzeit überall das Szenario der Generation Bachelor und Master beschrieben. Studenten, die in einer Woche sieben Klausuren schreiben, Stundenpläne, in denen der Stoff von acht in sechs Semester gepresst wurde. Und das alles bitteschön mit dem Ergebnis, dass man nach der Regelstudienzeit die Universität mit einer perfekten Abschlussnote, mehreren Auslandspraktika und ausgezeichneten Kenntnissen in 15 verschiedenen Sprachen verlässt. Von den kleinen Hamstern wird viel verlangt.

455.300 Studierende haben im Wintersemester 2008/2009 ihr Studium begonnen. Laut Statistischem Bundesamt entschieden sich 66 Prozent der Erstsemester für einen Bachelor-Studiengang. Wie erfolgreich sie mit dem Turbostudium und dem Leistungsdruck umgehen, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Tatsache ist, dass seit der Umstellung auf Bachelor und Master, die Zahl der Studenten mit psychischen Problemen wächst. Immer mehr Studenten suchen Hilfe bei psychologischen Beratungsstellen. Der Bolognaprozess weist einige unangenehme Begleiterscheinungen auf. Statt Solidarität und dem Gefühl der Unabhängigkeit bestimmen heute Konkurrenzdenken und Leistungsdruck das Klima in den Hörsälen. Jeder achte Student fühlt sich einsam, da durch vollgepackte Stundenpläne und permanenten Prüfungsstress, bei dem jede Leistung für die Abschlussnote zählt, kaum Zeit bleibt für das Sozialleben auf dem Campus. Es ist ein ständiger Wettbewerb um die besten Praktika, die begrenzten Masterplätze und die begehrtesten Jobs. Dass die Zukunft trotz ihrer Bemühungen ungewiss ist, macht den Studenten schwer zu schaffen. Diejenigen, die die Entscheidung für einen Vollzeitmaster treffen, da sie das Gefühl haben, dass das Schnellstudium sie noch nicht gut genug auf den Arbeitsmarkt vorbereitet hat und sie sich noch spezialisieren müssen, finden oftmals keinen Masterstudienplatz. Denn die zu wenigen Masterstudienplätze werden nur unter den allerbesten Studenten aufgeteilt. Die Absolventen stehen zwischen einem Bachelorabschluss, den sie haben, einem Master, den sie nicht beginnen dürfen, und Jobs, die sie nicht bekommen, weil ihnen dafür der richtige Abschluss fehlt. Viele Unternehmen sind, auch wenn so langsam die Skepsis zu weichen beginnt, verunsichert und mit den neuen Abschlüssen nicht richtig vertraut. Wer einmal einen Mas-terstudienplatz hat und dies erfolgreich beendet, hat zwar gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt, denn bei stärkeren strategischen Aufgaben oder Jobs im technischen, naturwissenschaftlichen oder IT-Bereich wird der Master zum gefragten Standard. Der Direkteinstieg für Bachelorabsolventen ist aber meist nur in operativen Positionen im Controlling, Marketing oder Vertrieb möglich. Und das natürlich auch nur, wenn die Studenten ausreichend Praxiserfahrungen mitbringen, für die in den straffen sechssemestrigen Strukturen der Bologna-Reform kaum Zeit bleibt. Ein Teufelskreis also, um den sich in der kommenden Zeit noch viele Debatten ranken werden. Doch das wird den Studenten keinen Mut machen. Die Schwarzmalerei heizt den Ängsten der Studenten nur noch mehr ein. Stattdessen sollte man sie zur Entschleunigung ermuntern. Ein oder zwei Semester mehr oder weniger sind nicht das Aus für die Karriere. Berufspraxis und persönliche Erfahrungen sollten nicht auf der Strecke bleiben, sie sind der Grundstein für den Erfolg. Denn die Wirtschaft legt nicht nur Wert auf Fachwissen. Soziale und persönliche Kompetenzen wie Teamfähigkeit, Selbstständigkeit, Einsatzbereitschaft und Kommunikationsfähigkeit sind ebenfalls von essentieller Bedeutung. Und Studenten mit einem Burnout-Syndrom sind auch keineswegs gefragt!

Nadine Baumann

INFO:

1999 wurde der Bolognaprozess von Deutschland und weiteren europäischen Staaten ins Leben gerufen. Ziel war und ist es, bis 2010 einen transparenten, attraktiven, europäischen Hochschulraum zu schaffen. Im Zuge dessen sollte durch die Einführung des gestuften Studiensystems aus Bachelor und Master die europaweite Vergleichbarkeit der Abschlüsse und eine Steigerung der Mobilität im Hochschulbereich gewährleistet werden.

Magazin