Weinkultur in Spree-Athen - Berlin trinkt pfälzisch

Spricht man einen Berliner auf die Pfalz an, ist Ratlosigkeit die häufigste Antwort. „Liegt irgendwo in West-Deutschland, wa?“ Doch auch ohne tiefere Kenntnis der geographischen Lage hat fast jeder Hauptstädter schon einmal Pfälzer Lebensart genossen. Es ist der Wein, der den Spree-Athenern von der Pfalz erzählt, von ihren Düften, dem Terroir und den Menschen, die ihn machen.

Berliner sind Insulaner. Auch heute, 20 Jahre nach dem Mauerfall, ist ihnen das Leben jenseits ihrer Stadtgrenzen oft nicht geheuer. Vom Landleben träumen dennoch viele, insbesondere im Winter, wenn sich der Beton wie ein grauer Himmel über die Straßen zu neigen scheint. Dann sehnen sich die Hauptstädter nach dem Sommer, seinen Aromen und Düften – den sie sich immer häufiger in Form eines guten Tropfens in die Stube holen. „In Berlin gibt es viel mehr Weintrinker als man denkt“, sagt nicht nur Marcus Scharein, der am Prenzlauer Berg das Weingold betreibt. In dem feinen Weinladen unweit der Schönhauser Allee sind Pfälzer Gewächse besonders vielzählig vertreten, denn: „Spitzenweine aus der Pfalz werden hier immer beliebter.“

Die enorme Entwicklung, die die Weine von der Deutschen Weinstraße in den vergangenen Jahren genommen haben, ist auch den Berlinern nicht verborgen geblieben. Die feinen Tropfen etwa von Friedrich Becker aus Schweigen, Philipp Kuhn oder Knipser aus Laumersheim sind längst in die Phalanx der früher unangreifbar scheinenden Rheingauer Weine eingebrochen und erobern die Geschmacksnerven zwischen Pankow, Kreuzberg und Zehlendorf. Ihr althergebrachtes Image, das in erster Linie von preisgünstigen Trinkweinen geprägt war, haben die Pfälzer Weinmacher damit nachhaltig korrigiert.

Die riesige Vielfalt unterschiedlicher Weine aus der Pfalz sorgt indessen dafür, dass die angestammte Domäne nicht aufgegeben wurde. Vielen Berlinern haben Schankweine aus der Pfalz die erste Begegnung mit deutschen Tropfen bereitet, was in eine oft lebenslange Vorliebe mündete. Noch heute muss man meist nicht lange suchen, um mitten in der Hauptstadt einen Pfälzer Schoppen zu genießen: Kaum eine Eckkneipe kommt ohne einen Pfälzer Wein auf ihrer Karte daher. Dass sich heute auch im niedrigen Preissegment herrliche Rebensäfte von phantastischer Qualität tummeln, merkt der Liebhaber pfälzischer Winzerkunst also auch an Orten, an denen um ihn herum Molle und Korn die Trinkgewohnheiten bestimmen.
Ein Statthalter pfälzischer Lebensart in Berlin ist Rainer Schulz, der seit mehr als einem halben Jahrhundert die Kurpfalz-Weinstuben in Berlin-Charlottenburg führt. Ganz dicht am Adenauerplatz liegt die urige Weinstube, die dem vorbeirauschenden Zeitenstrom eine unaufgeregte Gemütsruhe entgegenstellt. Sogar Stuart Pigott, Deutschlands bekanntester Weinkritiker, war schon mal da und ließ sich entführen von der reichhaltigen Weinauswahl – die er begeistert als legendär einstufte. Im Angebot sind Saumagen und andere Spezialitäten aus der Pfalz, immer von Hand gemacht und so beliebt, dass den Kurpfalz-Weinstuben ein literarisches Denkmal gesetzt wurde. Der berühmte holländische Autor Cees Noteboom erwähnt sie in seinem Roman Allerseelen – und ein frischer Pfälzer Schoppen soll beim Schreiben immer dabei gewesen sein…

Robert Reuter