Vertraute Gesichter

An einem Nachmittag im Februar hielt der Zug am Hauptbahnhof. Wie jeden Tag. Leute stiegen ein und aus. Vertraute Gesichter. Sie begegneten sich täglich. In diesem Zug, der an jedem Tag der Woche immer wieder die gleichen Passagiere in sich aufnahm, waren sie eine Gemeinschaft. Seltsamerweise taten sie alle so, als ob sie sich nicht kennen würden. Niemand grüßte, kein Kopfnicken, kein Zeichen des Wiedererkennens. Die große, imposante Frau, die sich immer ein wenig zu übertrieben schminkte und jeden Tag eine riesige braune Handtasche schulterte, fuhr nun schon seit mehr als einem Jahr um diese Zeit in den Feierabend. Der Mann mit der braunen Lederjacke war seit einem halben Jahr in der Zuggemeinschaft. Er sah gut aus. Souverän und gelassen. Er wirkte ein wenig abweisend, als ob er nicht dazu gehören wollte. Die Rothaarige, die immer einen furchtbar ernsten und gestressten Eindruck machte, fiel immer durch ihre Röcke auf. Zu knapp und schrill. Ihre außergewöhnliche, lebensbejahende Kleidung wollte so gar nicht zu ihrem verhärmten Gesichtsausdruck passen. Auch ein Schüler war bei den Fahrgästen. Mit Rucksack und Ohrstöpseln blendete er sich aus. Man sah ihm an, dass der Schultag lang gewesen war. Niemand kannte die anderen oder wusste, wo sie arbeiteten, wohnten, lebten. Der Zug war die einzige Verbindung zwischen ihnen. 
An jenem Februarnachmittag blieb eine junge Frau – ihr Name war Monika - stehen, drehte sich um, fasste sich ein Herz und sagte: „Ich wünsche Euch einen schönen Feierabend!“
Die Frau mit der braunen Handtasche hob eine Augenbraue, nickte und ging weiter. Die Rothaarige sah sie kurz an, wisperte „Danke“ und eilte davon. Der Lederjacken-Mann lächelte und schob ein „Gleichfalls“ heraus. Der Junge zog neugierig an einem Ohrstöpsel und schaute die junge Frau und die Gruppe fragend an. Der Mann gab ihm einen kurzen Klaps auf die Schulter und sagte breit grinsend: „Sie hat Dir einen schönen Feierabend gewünscht.“ Die Frage nach dem Warum stand dem Schüler ins Gesicht geschrieben. Er sagte jedoch höflich: „Wünsch´ ich Ihnen auch.“ Mit Musik auf den Ohren ging er seines Wegs.  
Na, das war ja kein großer Erfolg, dachte Monika. Eigentlich wusste sie nicht zu sagen, was sie erwartet hatte. Vielleicht hatte sie ihre Mitfahrer mit ihrem Vorstoß überfordert. Je länger sie darüber nachdachte, desto unangenehmer wurde ihr die Sache und sie erwog schon, am nächsten Tag einen anderen Zug zu nehmen. Lächerlich, schalt sie sich, und bestieg nach der Arbeit den Zug wie immer. Und siehe da: Der Lederjacken-Mann lächelte und grüßte mit einem Hallo, die Rothaarige warf ihr einen schüchternen Blick zu und nickte, die große Frau sagte mit einer erstaunlich tiefen und durchdringenden Stimme: „Guten Abend!“ Monika erschrak ein wenig, weil es weniger nach einem Gruß und mehr nach einem Befehl klang. Der Lederjacken-Mann musste sich ein Lachen verkneifen und der Junge hatte wieder nur die Hälfte mitbekommen und hob die Hand zum Gruß.
Das war ein Anfang und Monika war stolz auf sich. Eine Woche später kannte sie bereits die Namen der anderen. Mit dem Jungen hatte sie sich eines Abends unterhalten und die beiden Frauen saßen nun häufiger nebeneinander und sprachen angeregt miteinander. Der Lederjacken-Mann schien nicht mehr gar so abweisend. Die kleine, zufällige Gemeinschaft war ein wenig enger zusammengerückt. 

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