Steife Prise

Auch Samuel Mumm, Kommandeur der Stadtwache von Ankh-Morpork, muss Kompromisse eingehen: Seine
liebende Ehefrau Lady Sybil hat sich mit Lord Vetinari verbündet und Sam zu zwei Wochen Landurlaub auf dem
hochherrschaftlichen Familiensitz der Käsedicks verdonnert. Für den überzeugten Stadtbewohner, der zudem
jede Form von Untätigkeit hasst, ist dies ein schlecht zu ertragender Zustand. Zeit zur Langeweile oder hochherrschaftlichen
Empfängen bleibt Sam jedoch nicht. Denn natürlich ist keine noch so schöne Gesellschaft
ohne Makel. Und Sam riecht das Verbrechen förmlich. Schnell steckt Samuel Mumm auf dem angeblich so
idyllischen Lande bis zum Hals in der Aufklärung gleich mehrerer Missetaten von Drogenschmuggel bis Sklavenhandel. 

Und wer nun ratlos und ahnungslos die kleine Zusammenfassung der Handlung gelesen hat, dem ist die Scheibenwelt wohl fremd. Der englische Autor Terry Pratchett beschreibt in über 60 Romanen jene Welt, die eine Scheibe ist, die von vier Elefanten getragen wird, welche auf dem Rücken einer durch das Weltall rudernden Schildkröte stehen. Somit ist nun auch dem letzten Leser klar, dass es sich um Fantasy handeln muss, obwohl dieses Bild der indischen Mythologie entliehen scheint. Anders als im Genre gemeinhin üblich sind Pratchetts Romane neben – und auch trotz - aller Düsternis, Gefahren und Spannung sehr witzig. In ihnen werden sowohl klassische Fantasy- und Science-Fiction-
Motive parodiert als auch Themen unseres alltäglichen Lebens in der Rundwelt wie Musik, Literatur, Glaubwürdigkeit der Presse, Gesellschaft, Toleranz gegenüber Religionen, Philosophie, Wirtschaft, Geschichte, Politik, Krieg und vieles mehr. 

Ist man als Leser neu in der Scheibenwelt, so braucht man einen Moment, um den Sprung von der beschriebenen Realität in die magische Welt, die so hervorragend ineinander greifen, zu schaffen. Ohne dabei vom Rand zu kippen. Seltsamerweise fühlt der Leser sich sehr schnell dort wohl, denn Pratchett erweckt alles zum Leben, woran die Menschen ohnehin gerne glauben oder geglaubt haben. Zwerge, Hexen, Trolle gehören natürlich zum Standardrepertoire, aber eine Zahnfee oder der Weihnachtsmann sind eher selten in neueren Fantasyromanen zu finden. 

Pratchett parodiert das Genre der Fantasy, erschafft dabei aber auch gleichzeitig eine eigene durchaus glaubhafte Welt, in der mit abgründigem Humor ernsthafte Themen behandelt werden. Das gesamte Personal gängiger Fantasy
kommt zum Einsatz. Zauberer beispielsweise sind dafür bekannt, dass sie ständig rauchen und deswegen kurzatmig sind (Tolkien). Sie bekämpfen namenlose Dinge, die ständig versuchen, in die reale Dimension herüber zu wechseln (Lovecraft).

Es gibt weibliche Zwerge, die von den traditionellen Zwergen diskriminiert werden (die darauf beharren, es gebe nur männliche Zwerge). Es gibt Helden im Pensionsalter, abstinente Vampire, eine multiethnische Polizeitruppe sowie Hexen, Kobolde, Trolle, Golems, Elfen und Banshees. Der Geschäftsmann mit dem Namen Treibe-Mich-Selbst-In-Den-Ruin Schnapper ist seiner ausgefallenen Geschäftsideen wegen berüchtigt. Nach jedem Bankrott verkauft er grässliche
Würstchen, um seine Schulden abzuarbeiten. In verschiedenen Büchern hat Pratchett diesen Charakter immer wieder auftauchen lassen, der in abgewandelter Form in allen Gegenden der Scheibenwelt zu finden ist.

Pratchett hat es geschafft, mehrere Buchreihen parallel in der Scheibenwelt entstehen zu lassen, so dass ein Scheibenwelt-Neuling nicht bei Band 1 beginnen muss und sich sein eigenes Lieblingsszenario wählen kann. Ist man jedoch fasziniert von Pratchetts Scheibenwelt, so hat sie Suchtcharakter.

Terry Pratchett wurde 1948 in Beaconsfield, England, geboren. Als er sein erstes Werk veröffentlichte, war er gerade mal 13 Jahre alt. Zunächst arbeitete er als Journalist und Pressesprecher. 1987 widmete er sich ganz der Schriftstellerei, als der Erfolg ihm eine wirtschaftliche Sicherheit gab. Von seinen Scheibenwelt-Romanen wurden bislang
weltweit rund 45 Millionen Exemplare verkauft und seine Werke in 34 Sprachen übersetzt. 2007 gab Pratchett bekannt, dass er an einer seltenen Form von Alzheimer erkrankt ist. Er setzt sich öffentlich für Sterbehilfe ein, was ihm sowohl
Zuspruch als auch Widerspruch einbringt.

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