Schon vor Wochen gebucht

Schon vor Wochen hatten Johann und Marion ihren Urlaub im Reisebüro gebucht. Nach Griechenland sollte die Reise gehen. Johann war endlich Pensionär und hatte sich schon seit Jahren fest vorgenommen, mit seiner Marion eine lange Reise zu unternehmen.

Zuvor hatten sie Reiseprospekte und Kataloge gewälzt, das Internet bemüht und viele Reiseberichte wildfremder Menschen gelesen. In vielen Gesprächen stellten sich die beiden gegenseitig ihre Vorstellungen des perfekten Urlaubs vor. Sie waren im Geiste bereits so häufig die Reiseroute abgefahren, dass sie genau wussten, was sie erwarten sollte. Videos von den einzelnen Stationen hatten sie betrachtet und die jeweilig interessanten Filmsequenzen gestoppt. Vor dem Fernseher sitzend waren sie in den Ort der besonders interessanten Sehenswürdigkeit eingestiegen und virtuell umhergelaufen. Die Technik machte es möglich. Auf der Reiseroute liegende Hotels waren ihnen schon in der Vorbereitung im Detail vertraut. Strände waren penibel erforscht und die idealen Liegeplätze festgelegt. Wochenlang schwelgten sie in Vorbereitungen und Planungen. Sie sprachen in ihrer gemeinsamen Zeit immerzu von Griechenland, den Griechen, der Geschichte, dem Essen und dem Wein. Sie kochten typische Nationalgerichte und speisten im Kerzenlicht mit griechischer Hintergrundmusik. Sie verabredeten sich zum gemeinsamen Büchereibesuch, um dort weitere Lektüre zu finden, die sie noch intensiver auf die Reise einstimmen konnte. Nichts überließen sie dem Zufall auf ihrer fünfwöchigen Rundreise. Der Koffer war schon 10 Tage vorher bereit und die Reiseführer jetzt schon ziemlich zerlesen. Diese strotzten vor gelben Markierungszettelchen und Anmerkungen am Rande. Genau genommen war es nicht mehr nötig, die Tipps der Verlage mit sich zu führen, da die Eheleute randvoll mit Informationen waren. 

Der Tag der Abreise kam. Marion war sehr aufgeregt und Johann wirkte angespannt. Dabei sollten sie doch völlig gelöst in den Urlaub starten. Sie hatten an alles gedacht. An Reiseapotheke und Autovermietung, an die Fährverbindungen und die dazugehörigen Tickets und Reservierungen, an Bargeld und Kreditkarte, an Bekleidung für jede Lebenslage. Sie hatten den Blumengießservice arrangiert und die automatisch funktionierenden Rollläden vor den Fenstern zu Hause programmiert.
Das Ehepaar landete in Athen, wo die Rundreise ihren Anfang und ihr Ende nehmen sollte. Das tat sie auch. Doch das Ende lag ungewöhnlich nahe am Anfang. Johann hatte alles bedacht. Nur nicht an die Temperatur, die seinen Kreislauf außer Gefecht setzte. 45 Grad im Schatten waren zu viel für den Mann. Der deutsche Hotelarzt riet ihm von der Rundreise ins Landesinnere mit Hinweis auf die für ihn tödliche Gefahr ab. „Mach Dir nichts draus“, tröstete Marion den enttäuschten Johann, „die Planung der Reise mit Dir gemeinsam war meine schönste Zeit mit Dir. Und so wunderbar, wie wir es uns vorgestellt haben, hätten die Reise ohnehin niemals werden können.“ 

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