Schlimm ist die Ewigkeit

Sven Mönke (Name geändert) ist 52 Jahre alt. Vor zwei Jahren erfuhr er, dass er an Alzheimer erkrankt ist. Die Diagnose veränderte sein Leben und das seiner Frau und zwei Kinder auf einen Schlag. Er musste seine Stelle als Notarzt aufgeben. Eine der schmerzlichsten Erfahrungen, die er und seine Familie machten, war die Erkenntnis, dass nicht alle Menschen mit seiner Erkrankung umgehen konnten und sich peinlich berührt zurückzogen.

Im Sommer 2006 bemerkte er, dass er im Job ungewohnt angespannt war. Nach vielen Jahren Berufserfahrung, in denen ihm Stress und Zeitdruck vertraut waren, merkte er sehr schnell, dass etwas nicht stimmte. Zunächst fiel sein Verdacht auf das Burn-out-Syndrom. Er hatte es mehrfach bei Kollegen oder Freunden erlebt. „Ich konnte mich nur schwer konzentrieren und fühlte mich überfordert. Manchmal fielen mir die Namen der Arzneimittel nicht mehr ein, und ich hatte oft Schweiß auf der Stirn. Ich bemerkte die Veränderungen, wollte sie anfangs aber nicht wahrhaben,“ erinnert sich Sven Mönke. Die berufliche sowie private Situation ließen ihn jedoch erst einmal durchhalten, bis ein Kollege ihn auf seinen Zustand ansprach. Schließlich konsultierte er einen Neurologen. Die Ergebnisse des durchgeführten Mini-Mentaltests waren unbefriedigend. Er hatte Mühe, dreistellige Zahlen korrekt aufzuschreiben. Auch die Testsituation an sich bedeutete eine enorme Anstrengung für ihn. „Als Arzt wusste ich, dass meine Symptome auch ein Hinweis auf die Alzheimersche Krankheit sein konnten,“ erklärt Mönke seine damalige Hoffnung, nur ausgebrannt oder depressiv zu sein. Während eines sechswöchigen Kuraufenthaltes erholte er sich gut, schöpfte wieder Kraft und war optimistisch, den Anforderungen im Alltag gewachsen zu sein. Nach der Rückkehr verschlechterte sich sein Zustand jedoch wieder. Im Uniklinikum wurde kurz darauf die Anschlussdiagnose gestellt: Alzheimer. Eine Welt brach für ihn zusammen. Es war klar, dass er in seinem bisherigen Beruf nicht mehr arbeiten konnte, beide Kinder hatten ihre Ausbildung noch nicht abgeschlossen, alle Pläne, die er je gemacht hatte, wurden von einer Sekunde auf die andere in Frage gestellt.

Seit zwei Jahren nimmt Sven Mönke nun regelmäßig Medikamente, die seine Krankheit verzögern sollen. Vollständig aufhalten können sie den geistigen Abbauprozess nicht. „Die täglichen Gedächtnis-übungen und ein spezielles Trainingsprogramm für Demenzkranke im Frühstadium haben meine Merkfähigkeit leicht verbessert. Auch die Medikamente wirken, denn wenn ich sie einmal vergesse, merke ich das sofort,“ erklärt der ehemalige Notarzt. Sein Hauptproblem ist jedoch die Einsamkeit. Es belastet ihn, dass er immer mehr Verantwortung an seine Frau abgeben muss. Sie arbeitet, um das Familieneinkommen sicherzustellen auch wieder mehr als früher. Obwohl er drei bis viermal ins Fitnessstudio geht, lange Spaziergänge macht und viel Rad fährt, vermisst er seinen Beruf, die Kollegen, die Patienten. „Ein richtiger Ersatz ist das nicht. Ich hing sehr an meinem Beruf und bin Mediziner geworden, um Menschen zu helfen,“ so Mönke.

Wirklich wichtig für ihn und seine ganze Familie sind nach wie vor der Austausch mit anderen Betroffenen und Angehörigen. „Ich hoffe, dass mir noch einige gute Jahre bleiben. Mit meiner Frau und den Kindern noch einmal nach Südamerika zu reisen ... das wäre toll,“ wünscht sich Sven Mönke.

Jaleh Nayyeri 

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