Renaissance

Die Suche nach den großen Vorbildern und der Beständigkeit des Guten ist sehr alt. Immer dann, wenn eine Veränderung Unsicherheiten entstehen lässt, versucht sich der Mensch auf Rettungsboote zu flüchten, die durch den Sturm der Gezeiten geleiten. Diese rettenden Ideen finden ihren Ursprung regelmäßig in anderen Zeiten und haben eines gemeinsam: Sie haben sich bewährt. Nicht immer umfassen sie die ganze Wahrheit, häufig fehlt ihnen die Verbindung zur heutigen Realität; manche erweisen sich als Krücke oder Korsett. Doch einige wenige schaffen es zum ernsthaften Begleiter. Sie haben das Zeug zum wahren Klassiker. Sehr deutlich wird die oben genannte Entwicklung beim Blick auf die Renaissance.

Der Begriff der Renaissance bezeichnet als historische Epoche den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, der zwischen 1400 und 1600 stattfand. In kultureller Hinsicht meint er eine Wiederbelebung antiker Ideale in Literatur, Philosophie, Wissenschaft und besonders in der Malerei und der Architektur. Ihren Ursprung fand die Renaissance in Italien mit den Einflüssen der antiken Lehren, wo es bereits weit entwickelte Stadtkommunen und ein selbstbewusstes Handelsbürgertum gab. Das Wissen und die Ideen der Antike, die im Europa des Früh- und Hochmittelalters in Vergessenheit geraten waren, schlummerten in Klosterbibliotheken, im arabischen Kulturkreis und Byzanz. Alleine die Bibliothek von Cordoba soll 400.000 Bücher umfasst haben. Der Niedergang des Byzantinischen Reichs führte dazu, dass griechische Gelehrte nach Italien kamen, die das Wissen über die Kultur der griechischen Antike mitbrachten, welches im Byzantinischen Reich nach dem Untergang Westroms nahezu 1.000 Jahre lang konserviert worden war.

Im 15. Jahrhundert, dem Zeitalter der großen Erfindungen und Entdeckungen, bereitete sich im gesamten westlichen Europa ein geistiger Umschwung vor. Dieser nahm seinen Ausgang in Italien, das sich allmählich zur kulturellen Vormacht Europas erhoben hatte. Das deutsche Kaisertum war zerfallen und mit ihm die Idee von einem einheitlichen, das ganze Abendland umfassenden Reich. Die Nationalstaaten entstanden in weitaus kleineren Einheiten und berücksichtigten die Eigenheiten der Menschen. Auch die Macht der alles beherrschenden mittelalterlichen Kirche schwand dahin, als die Menschen begannen, das Dasein auf dieser Erde mehr zu würdigen als ein eventuelles Leben nach dem Tod. Sie entdeckten neue Länder, neue Gestirne und neue technische Hilfsmittel, und fanden hierin den Mut, die Befreiung des einzelnen Menschen zu verlangen. Bisher war er in seinem Beruf, in seinem Stand und seinem Glauben immer den strengen Gesetzen einer Gesellschaft unterworfen. Ungehindert durch kirchliche Vorschriften sollte Forschung und gedankliche wie auch gesellschaftliche Weiterentwicklung ermöglicht werden. Die Entfaltung des menschlichen Geistes wurde eine zentrale Forderung. Neben der Sprache und Geschichte fanden auch die Kunstwerke des Altertums erneut Würdigung und Bewunderung. Man fühlte sich von ihrer Harmonie, ihrer edlen Form, ihrer Schönheit und Kraft tief beeindruckt, war glücklich über jeden Fund, stellte die Werke der alten als Vorbild für das eigene Schaffen hin und strebte nach der Wiedergeburt der klassischen Zeit des griechisch-römischen Altertums. Von dem Versuch her, jene große Periode menschlicher Kultur wieder entstehen zu lassen unter Berücksichtigung neuer Elemente, erhielt die neue Bewegung ihren Namen Renaissance.