Nur Mut

Der Wind pfiff um die Häuser und schwere Wolken zogen tief über den Himmel. Die wenigen Menschen auf der Straße huschten mit hochgezogenen Schultern, dicken Schals und wärmenden Stiefeln durch die unwirtliche Kälte. Es dämmerte bereits gelblich-grau am frühen Nachmittag. Die Lichter der Wohnstuben drangen zaghaft durch die Fenster. An einem Fenster stand ein Mädchen und schaute auf die Straße. Ihr Gesicht war zart, mit einer Stupsnase und riesigen Augen. Ein dicker, gestrickter Pullover umhüllte das Kind und ließ es noch winziger erscheinen. Ihre schmale Hand streichelte eine Katze, die auf dem Fensterbrett saß.

Gemeinsam lauschten sie aufmerksam der Stimme eines Erzählers, die einer Hörbuchgeschichte zum Leben verhalf. Das Mädchen liebte Geschichten. Sie mochte die Welt der Feen und Zwerge, der Zauberer, Könige, Schurken und Helden. Darin konnte einfach alles geschehen und selbst die Kleinen und Zarten besaßen Kraft und Stärke. Ganz versunken in der Geschichte ging ihr Blick auf die winterliche Straße, als sie eine alte Frau mit krummem Rücken bemerkte, die auf einen Stock gestützt langsam um die Ecke bog. Ihr Gang war beschwerlich und sie hatte den Schal fest um sich gezogen. Die Alte blieb stehen und richtete sich auf. Sie hob den Kopf und schaute zu dem Mädchen am Fenster. Sie blickte der Kleinen direkt in die Augen. Die Alte sprach mit einer festen und tiefen Stimme. Ohne den Mund zu öffnen. Einfach so. Und das Mädchen konnte sie hören. Durch die geschlossene Scheibe. „Nimm Deinen Mantel, ziehe Deine Stiefel an und gehe sofort zum alten Alfons. Zögere nicht.“

Die Kleine erschrak. Der alte Alfons war der Schuster zwei Straßenecken weiter. Er war unfreundlich und brummig. Was sollte sie da? Wie konnte sie die Alte hören? Sie rieb ihre Augen und schaute wieder auf die Straße, aber sie konnte die gebeugte Gestalt nicht mehr entdecken. Das Mädchen öffnete das Fenster und suchte die alte Frau. Sie war weg. So schnell war sie doch nicht und Geschäfte, in denen sie hätte verschwinden können, waren auf dieser Seite der Straße nicht. Hatte sie geträumt? „Nein!“, hörte sie wieder die Stimme der Alten sagen. „Du hast nicht geträumt. Geh zum alten Alfons!“ Das Mädchen schüttelte ungläubig den Kopf. Wie konnte das sein? „Geh!“, hörte sie wieder die Stimme, die leise verhallte. Die Kleine nahm Mantel und Stiefel, wickelte denneuen, bunten Schal um den Hals und sprang die Treppe des Hausfl urs hinunter. Sie schlug den Weg zum Schuster ein und eilte den Gehweg entlang. Im kleinen Laden des alten Alfons brannte Licht, die Tür stand auf und sie hörte aufgeregte Stimmen, als sie näher kam.

Alfons schimpfte mit seiner brummigen Stimme, aber er hörte sich nicht ärgerlich, sondern ängstlich an. Vorsichtig kam die Kleine näher. Durch die offene Ladentüre sah sie drei Jungen, die sie aus der Schule kannte. Sie zankten und lachten den Alten aus, der offensichtlich seine schnorrige Sicherheit verloren hatte. Das Mädchen betrat den Laden. „Hallo Simon. Hallo Leon. Ach da ist ja auch Micki. Habt ihr zu Hause schon erzählt, wie Eure Mathearbeiten ausgefallen sind.“ Sie stellte sich neben den alten Alfons und nahm seine Hand. Das Mädchen konnte die Jungen nicht leiden. Sie waren blöd und immer frech. Auch zu ihr und den anderen Kindern. Alfons sah die Kleine staunend an und schloss zögernd seine Pranke um die zarten Finger des Mädchens. Micki – er war dergrößte von den Dreien – trat drohend einen Schritt auf das Mädchen zu. „Was geht Dich das an?“ „Oh, es interessiert mich nur und ich frage mich, ob ihr etwa Alfons um Hilfe gebeten habt.“ „Hilfe? Wieso ihn?“ „Er kann Euch vielleicht helfen. Schließlich muss er immer mit allem rechnen. Also wieso nicht auch mit Euch?“ Der Alte lachte über die verständnislosen Gesichter der Jungen. Die zurückgewonnene Sicherheit des Alten verscheuchte die böse Dummheit der drei Jungen.

„Können SIE uns etwa das Rechnen beibringen“, fragte Leon. Die Kleine schaute den alten Mann an, der schon mit dem Kopf schütteln wollte und drückte seine große Hand. Er zögerte und besann sich. „Wir können es ja mal versuchen.“ Als die Kleine wieder zu Hause war, lief die Hörbuchgeschichte immer noch. Die Stimme kam gerade zum Schluss der Geschichte, in der die Fee von ihrem Abenteuer heimkehrte. „Ich wusste, dass die Kleinen die wirklichen Helden sind“, dachte das Mädchen. Sie hörte eine Frauenstimme kichern…

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