Mythos erleben

Mythen sind zeitlos und inspirieren, wie das Weltkulturerbe Nibelungenlied in Worms, Festspiele und eine ganze Stadtkultur. Warum faszinieren uns die düsteren Mären heute noch und wie kann ein Museum sie darstellen? Das Nibelungenmuseum Worms, an der historischen Stadtmauer und in zweien ihrer Türme untergebracht, geht einen unkonventionellen Weg: Im Keller lockt ein Multimedia-Mythenlabor vor allem junge Besucher an.
Anders als konventionelle Museen beherbergt das 2001 eröffnete Wormser Nibelungenmuseum keine Exponate. Stattdessen erleben die Besucher auf einem audiovisuell geführten Rundgang die ganze Welt der Bilder, Verfilmungen und der Rezeption des Nibelungenstoffes. Wer den Rundgang scheut, kann im Mythenlabor Audioführung und Bildpräsentation nachholen und seine Erkenntnisse durch eigene Recherchen vertiefen. Mario Adorf, einer der Initiatoren der modernen Wormser Nibelungenfestspiele und ihr erster Hagen, leiht dem Audioband seine Stimme.

Eigene Bilder inszenieren

„Wo die Besucher auf ihre Imagination angewiesen sind, werden Museumspädagogik und Didaktik unverzichtbar“, erklärt Dr. Olaf Mückain, Museumskurator und Kunsthistoriker. Das kommt besonders bei Schulklassen gut an. Etwa 23.000 Besucher verzeichnete das Museum im vergangenen Jahr. An vier Terminals können sie sich per Touch Screen Kurzfilme, Bilder und Dossiers zu Mythen, Worms und zur Nibelungensage anschauen. Für Lehrer, Stadtführer und Referenten sind am Hightech-Beamer Diashows hinterlegt.
2009 wurde Mückain damit beauftragt, die museumspädagogischen Angebote des Nibelungenmuseums, der Kunstsammlung Museum Heylshof und des Stadtmuseums im Andreasstift zu koordinieren. Alle Museen spiegeln Facetten der Wormser Stadtgeschichte wider. Eine künftige Museumspädagogik will die Besucher auch in die jeweils anderen Museen locken. Den Königsweg dahin sieht Mückain in der Gewinnung erstklassiger Museumspädagogen. „Das Museums-erlebnis steht und fällt mit der Person des Vermittlers“, weiß er.

Realität braucht Mythen

So kommen viele Besucher, übrigens auch Ältere, mit der Einsicht aus dem Nibelungenmuseum, dass die alten Mären brandaktuell sind. Unser Leben ist von Mythen bestimmt. Man denke nur an Michael Jackson, einen modernen Helden ewiger Jugend mit einem tragischen Tod. Da pilgern die Menschen und weinen um ihr Idol, drücken Gefühle aus, für die im rationalen Alltag kein Platz ist. Gerade Kinder und Jugendliche lieben Mythen – ob nun Grimm´sche Märchen oder diejenigen eines Harry Potter. Selbst Erwachsene mutieren am Feierabend in Computerspielen zu Rittern und Kämpfern.
Die virtuelle Abenteuerreise durch das Mythenlabor gibt oft den Anstoß dazu, sich über Mythen, nicht nur über das Nibelungenlied, Gedanken zu machen. „Wir sind keine Schule“, sagt Mückain, „aber wir bieten Anregung und Vertiefung für Sagenstoffe.“ Daher die Bezeichnung Labor. Einmal selbst Experimente mit den alten Geschichten anzustellen, bringt Manchen wieder auf den Geschmack an der Beschäftigung mit Literatur. Die Schwäche des Museums, in dem laut Volksmund nix drin ist, ist in Wahrheit seine Stärke: Nichts ist verstaubt, alles lebt – vor allem durch die Besucher.

Regina Urbach


Info:

Nibelungenmuseum, Fischerpförtchen 10
67547 Worms, 0 62 41 - 20 21 20
www.nibelungenmuseum.de
Geöffnet Di-Fr 10-17 Uhr, Sa und So 10-18 Uhr.

Veranstaltungen im Herbst/Winter:

31. Oktober 2009, 10 bis 18 Uhr: Nibelungen, Orks und der Drachen Tod. Mythentag mit Vorträgen und Workshops von Friedhelm Schneidewind und Frank Weinreich.
19. November 2009, 20 Uhr: Mythologien zum weiblichen Geschlecht, Vortrag von Mithu M. Sanyal.
10. Dezember 2009, 20 Uhr: Mythos Templer, Vortrag von Petra Riha.

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