Miethaie

Am 16. Juni 2009 riefen die Betriebsräte der Hertie Filialen zu einem bundesweiten Aktionstag auf. Vor allen Häusern der Kaufhauskette versammelten sich die Mitarbeiter, um dem anonymen Unternehmen, das kurz vor der Schließung stand, ein Gesicht zu geben. Unter den Augen der Medien fand der Protest der betroffenen Mitarbeiter statt.

Kunden kamen neugierig hinzu, Vertreter aus den Reihen der Politik, der Gewerkschaften und auch aus der Unternehmerschaft fanden sich ein, um Solidarität zu bekunden. So auch in Neustadt an der Weinstraße. Das Hertie Haus, ehemals Karstadt, ist und war beliebt bei den Kunden und auch bei den benachbarten Unternehmen und Einzelhändlern. Gute Umsätze wurden in der gesamten Zeit geschrieben. Das reicht jedoch nicht aus, um auf dem internationalen Parkett der Spekulanten langfristig Bestand zu haben.

Der Immobilieneigentümer Dawnay Day zwang den gut gehenden Hertie Standort in Neustadt in die Knie. Mit Mietforderung von 1.600.000 Euro jährlich waren keine rentablen Geschäfte zu machen. Zu Karstadt Zeiten lagen die Mietkosten noch exakt bei 50 Prozent der zuletzt aktuellen Forderungen. In Neustadt an der Weinstraße nahmen Oberbürgermeister Hans Georg Löffler, Staatssekretär Christoph Habermann und Landtagsabgeordnete Brigitte Hayn für die Politik Platz am Rednerpult. Christine Gothe sprach als stellvertretende Landeschefin der Gewerkschaft Verdi. Ira Schreck vertrat die Werbegemeinschaft Willkomm e.V., in der sowohl Einzelhändler als auch Dienstleister, ebenso wie Ärzte und gemeinnützige Vereine organisiert sind. Warum sprechen Vertreter unterschiedlicher Organisationen und Verbände während einer Protestaktion, die den durchaus treffenden Titel 5 nach 12 trägt? Die Tageszeitung wusste zu schreiben, dass es nur noch wenig Hoffnung gebe, dass die Politik nichts ändern könne und die gereichten Strohhalme äußerst dünn seien. Die Entscheidungen zur Schließung einer Warenhauskette bedingt durch überzogene Forderungen, die ein gesundes Unternehmen einfach nur ausbluten lassen, wurden weder im Neustadter Stadthaus noch in der Rheinland-Pfälzischen Landesregierungsetage getroffen. Trotzdem setzten sich die Politiker ein, Gespräche herzuleiten, damit bis zum Schluss die Bereitschaft zur Lösungsfindung aufrecht erhalten wurde. Die Politiker blieben nicht aus, um Mitarbeiter, die auf eine jahrelange Tätigkeit in den jeweiligen Filialen nun zurückschauen müssen, in schweren Stunden nicht alleine stehen zu lassen. Mehr war es nicht. Mehr kann es nicht sein. Und das ist – wenn man mal ehrlich ist – viel. Auch die Unternehmer sahen sich in der Pflicht, den Mitarbeitern von Hertie zu zeigen, dass man sie nicht vergisst. Was soll man sagen, wenn es nicht in der eigenen Macht liegt, etwas zu ändern? In diesem Moment heißt es, Schulterschluss zu zeigen und darauf hin zu wirken, dass sich Ähnliches nicht wiederholt. Nicht im Kleinen noch im Großen. Die Schließung von Hertie hat Auswirkung auf alle Unternehmer, die an der Innenstadt als Standort festhalten. Ira Schreck wies in ihrer Rede darauf hin, dass spekulative Gier zu der Krise führte. Dies ist nicht nur auf die großen Warenhäuser beschränkt. In jeder Fußgängerzone, in jeder Verkaufsstraße findet man Immobilien, die zu einem überzogenen Mietpreis angeboten werden. Auch in Neustadt. Ebenso wie in Landau, Speyer, Frankenthal. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Das eigentliche Problem der Kundgebung war, dass die, die zuhörten, sich einig waren. Diejenigen die ursächlich an der Krise beteiligt sind, kamen leider nicht. Weder die großen Spekulanten noch die vielen kleinen Miethaie, die jede Stadt zu bieten hat. Und die einen ebenso hohen Schaden anrichten.

Info:

Die Rede von Ira Schreck anlässlich des Aktionstages Hertie am 16. Juni 2009 unter
www.chili-dasmagazin.de/html/index-chili-news_hertieaktionstag.html

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