Mannsbilder

Wie ist der aktuelle Stand der Geschlechterbewegung in Deutschen Landen? Weiß das jemand genau? Von Frauenbewegung alleine können wir schon lange nicht mehr sprechen. Und welche genau meinen wir überhaupt damit? Alice Schwarzer hat als Urmutter und Gallionsfigur der Emanzipationswelle  ihre Arbeit verrichtet und schaut zurzeit der Entwicklung ein wenig hinterher. Oder besser gesagt, sie ist Teil eines Teilbereichs.

Denn Vertreter ihrer Generation – auch im Geiste – leben immer noch mitten unter uns. Neue Generationen gehen neue Wege, auch wenn sie von dem Weltbild ihrer Mütter und Väter geprägt wurden. Trotzdem ist die Entwicklung rasant. Nicht nur, weil die Frauen Rechte einfordern und die Männer ihnen diese, wenn auch zähneknirschend, einräumen. Die Gesellschaft ändert sich aufgrund der Arbeitsmarktanforderungen gewaltig. Die männliche Situation wankt, die Gründe liegen auf der Hand: Aus dem Schwitzkasten veränderter Arbeitsbedingungen kann sich der traditionelle Mann weder mit Muskelkraft noch mit Stoizismus befreien. Beim Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft sind Kommunikationstalent und Teamgeist gefragt; Integration statt Aggression ist die Devise im flexiblen Kapitalismus. Die so genannten soft skills, also Sozialkompetenzen, sind nicht mehr nur Schlagwort schwammiger Zeitgeistdebatten, sondern ein konkreter Mehrwert, den vorzugsweise Frauen anzubieten haben. Das weist sich bereits in der Schule, wo heute schon die Jungen leistungsmäßig hinter den Mädchen her hinken. Der deutsche Mann steckt in der Krise, daran können auch teutonische Sportfreuden-Taumel nichts ändern. Mögen kurzfristig maskuline gruppendynamische  Massenveranstaltungen wie die EM oder WM einiges an Zuversicht befeuert haben, den XY-Chromosomenträger aus seiner sozialen, kulturellen und psychologischen Misere befreit haben sie nicht. Männer begehen immer noch dreimal so oft Selbstmord wie Frauen, stellen den Großteil an Obdachlosen, Alkohol- und Drogenabhängigen und sterben im Schnitt sechs Jahre früher. Also was tun? Herbert Grönemeyer dröhnte schon vor vielen Jahren mit seinem Song Männer dem veränderten Weltbild entgegen. Wehmütig sangen alle mit. Ein Abschiedslied auf das bequeme Einnisten in Klischees. Da wusste mann und frau noch, woran man war und was zu erwarten war. Aber heute? Welchen Vorstellungen soll denn entsprochen werden? Der weichherzige Macho mit Gesprächskultur? Das ist eher ein Traum. Vielleicht sogar ein Albtraum. Die Männer versuchten sich in Standards. Kein Tag vergeht, an dem wir nicht Männer sagen hören, dass das Wichtigste in ihrem Leben die Familie sei und sie so viel Zeit wie möglich mit den Kindern verbringen möchten. Bei Schlag den Raab gilt es fast als ein Auswahlkriterium, wenn der promovierte Tierarzt als besondere Befähigung gegen Raabs Eifer viele Spieleabende mit den drei Kindern ins Feld führt. Sozialkompetenz und flexible Denkstrukturen wie auch sekundenschnelles Organisationstalent in Krisenzeiten sind gefragt. Auch und besonders im Bewerbungsgespräch oder zur Vereinnahmung des neuen Mitarbeiterteams. Da werden die Grundvoraussetzung für das Führen eines kleinen, erfolgreichen Familienunternehmens – einst die Frauendomäne – als männliche Zusatzqualifikation adaptiert. Ob sich die Männer diese Eigenschaften tatsächlich aneignen, wäre im Einzelfall zu prüfen. Sagen lässt sich dies leicht und solange die Sprüche wirken, werden sie auch geäußert samt treuem Augenaufschlag. Aber dass es nicht wirklich das rundum männliche Bestreben ist, als domestiziertes Haustier zu funktionieren, ist doch wohl jedem einigermaßen intelligentem Wesen sonnenklar. Genauso wenig wie die neue Frauenrolle auf jede Frau passt. Noch nicht mal passend gemacht werden kann, darf, soll. Und schon ergeben sich Gegenbewegungen zum neuen Mannsbild.  Auch hier ist die Werbung wieder wunderbares Spiegelbild dessen, was im realen Leben unterschwellig läuft. Die Süddeutsche Zeitung brachte kürzlich eine kleine Beilage heraus. Für den Mann. Im DIN A4 Format. Das Titelblatt zeigte außer dem Namen nichts. Viel dunkelrot. Unten eine weiße Linie. Darauf stand: 21 Zentimeter. Mehr brauchen wir wohl nicht, um daran erinnert zu werden, worauf es man(n) ankommt. Burger King hat in seinem neuesten Fernsehspot eine Horde verwirrter Männer in eine Akademie gesteckt, wo sie die typisch männlichen Verhaltensweisen wie Rülpsen, BH-Enthaken und Fleischessen wieder erlernen. Mit Diplom. Dankbare Männergesichter erheben sich treu dem Lehrer entgegen. Allerdings geht das auch anders und weit weniger lustig. Dann, wenn die klischeehaften Männerrollen gewaltsam durchgedrückt werden. Sexuelle Belästigung bis zu massiven Übergriffen werden in den italienischen Modelabels suggeriert. Mag sein, dass die heißblütigen Südländer noch nicht so weit sind wie ihre weichgespülten deutschen Kollegen. Oder ist es genau andersrum? Sind die Italiener unseren Männern einen Schritt voraus? Wir können von Glück sagen, dass nicht alle Rollen für alle geeignet sind. Die Extremausschläge fallen eben auf und das sind die Weichgespülten wie die Hardcoreexemplare. Aber solange die Bewegung ausschlägt, ist sie im Wandel und das alleine kann der Gesellschaft insgesamt nur gut tun.