Kurzfristig heimatlos

Seine Schritte hallten durch die leeren Räume. Frederick warf einen letzten Blick in die Wohnung, in der er neun Jahre gelebt hatte. Sie war ihm seltsam fremd und doch vertraut. Er zog die Tür zu, schloss ab und warf den Schlüssel bei seiner Nachbarin – seiner ehemaligen Nachbarin – Frau Schneider ein. Von der alten Dame hatte er sich gestern schon verabschiedet. Sie nahm verschiedene Friseur- und Kosmetiktermine an diesem Morgen wahr. Frederick hatte den Verdacht, dass sie sich seinen Auszug ersparen wollte. Schließlich hatten sie sich im Laufe der Zeit trotz des großen Altersunterschieds - vielleicht auch gerade deswegen - angefreundet. Oft lud sie ihn zum Essen ein, was von Vorteil für beide war. Schließlich bekam er eine köstliche Mahlzeit und sie musste nicht alleine essen. Frederick revanchierte sich mit kleineren Reparaturarbeiten und Besorgungen für Frau Schneider und hatte auch schon mal ein paar aufdringliche Vertreter verscheucht, die der Rentnerin zu sehr auf den Pelz gerückt waren. Frederick dachte auch an den kleinen Moritz aus der zweiten Etage. Hin und wieder kam er mit seinen Matheaufgaben zu ihm. Ein netter, witziger Bursche mit unglaublichen Ideen, die selbst für Frederick chaotisch waren. Er hatte ihm zum Abschied eine CD gebrannt mit ein paar außergewöhnlichen Musiktiteln, die Moritz immer bei ihm gehört hatte. Der Junge war ganz traurig, als Frederick sie ihm gab. Er hatte sie genommen, ein kurzes Danke gemurmelt und war verschwunden. Auf der Straße warteten die Spediteure auf sein letztes OK, bevor sie die 700 Kilometer lange Reise zu seinem Wohnort antraten. Erst morgen früh um acht werde der Einzug beginnen. Frederick stieg in seinen Wagen und rollte die Straße hinunter, seine Straße, in der er jede Ecke kannte. Vorbei an der Bäckerei, in der er morgens nach dem Joggen die Brötchen geholt hatte. Heute Morgen hatte er sich noch belegte Brötchen und mehrere Kuchenstückchen besorgt. Für die Fahrt. Die Verkäuferinnen hatten ihm alles Gute gewünscht und die Chefin hatte ihm eine Tüte Brezeln geschenkt. Er sah die Kneipe, über deren Tresen in den letzten Jahren so manches Bier in seine Richtung geschoben worden war und warf einen letzten Blick auf das Hochhaus, in dem er im zwölften Stockwerk gearbeitet hatte. Von seinem Schreibtisch hatte er einen unbeschreiblichen Blick auf die Stadt gehabt. Den würde er vermissen. Wie so manches um ihn herum. Er fuhr am Haus von Marion entlang und winkte ihr im Geiste zu. „Jetzt wird´s albern“, dachte er, denn schließlich hatte sich Marion am Ende ihrer Beziehung als eine ziemliche Zecke erwiesen, und nahm den Abschiedsgruß zurück. Als er das Ortausgangsschild passierte, fühlte er sich heimatlos. Mit diesem Überschwang an Abschiedsschmerzkapriolen hatte er nicht gerechnet und schalt sich selbst rührselig. Lange hingen seine Gedanken am Vergangenen. Doch mit jedem Kilometer, den er Richtung Süden vor, wuchs die Spannung auf seine Zukunft. Schließlich hatte er einen Traumjob bekommen. Sein Gehalt war deutlich attraktiver, die Aufgaben entsprachen dem, was er schon immer machen wollte. Und die Gegend war super. Außerdem hatte er eine schöne Penthousewohnung bekommen. Von dort aus war der Blick auf die kleine Stadt gigantisch und auf der anderen Seite lagen Weinberge und Wald. Er hätte es nicht besser treffen können. Am Abend erreichte er das Hotel. Er wurde freundlich willkommen geheißen. Das Lächeln der Kneipenwirtin war angenehmer als das des Wirtes, den er zurückgelassen hatte. Und er musste sagen: so ein Glas Wein hat doch was…

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