Grippewelle

Später würde er sagen, er habe im Gefühl gehabt, dass er heute mobil sein müsste. Die Wahrheit ist: Er hatte verschlafen. Viel zu spät wachte er auf, erledigte die Bad-Frühstück-Sequenz in Rekordzeit und nahm das Auto statt wie üblich den Bus. Der Berufsverkehr bremste ihn jedoch aus und er stand mit allen anderen ungeduldig im Stau.

Während er darauf wartete, dass die Ampel auf Grün umspringen würde, klingelte sein Handy und auf dem Display konnte er die Nummer seines Abteilungsleiters ablesen. Er seufzte und nahm das Gespräch an. Schon wollte er eine Entschuldigung formulieren, als er von seinem Vorgesetzten unterbrochen wurde. „Ja, ja, schon gut. Zufälligerweise ist es sogar heute von Vorteil, dass Sie spät dran sind. Herr Martens hat sich krank gemeldet. Doch heute hätte er einen Termin in der Kanzlei Wiedenbrock wahrnehmen müssen. Jetzt müssen sie ihn vertreten.“ „Ich bin mit dem Fall nicht vertraut und ich habe keinerlei Unterlagen.“ „Das ist mir bewusst. Sie machen Folgendes: Fahren Sie zu Martens und holen dort die Unterlagen. Dann treffen Sie sich vor der Kanzlei Wiedenbrock mit Kollege Heintzen, der sie unterstützen wird. Ihre einzige Aufgabe ist es, die Forderungen einzuholen, keine Zugeständnisse zu machen und eine Verlängerungsfrist zu erwirken. Sehen Sie zu, dass der Termin möglichst souverän für unsere Seite verläuft und niemand merkt, dass Sie keine Ahnung haben. Ich weiß, es kommt aus heiterem Himmel. Aber nicht nur für Sie. Holen Sie die Kastanien für uns aus dem Feuer. Wir zählen auf Sie!“ Das Gespräch war unterbrochen.

„Na, prima“, dachte er und lenkte sein Auto zu Martens, der schon auf der Straße auf ihn wartete. Er gab ihm eine Aktenmappe. „Ich habe Dir das Wichtigste auf einem Extrablatt zusammengefasst und die Namen der Beteiligten aufgelistet. Achte auf Meier. Er macht einen sehr jovialen Eindruck, ist aber ein falscher Hund. Lass Dich von ihm bloß nicht einlullen. Lass Wiedenbrock reden. Das macht er am liebsten, höre zu und verweise auf den Fall Heinrich Führen aus dem Jahr 2010. An den kannst Du Dich sicher noch erinnern. Er war ähnlich und wir haben ihn gewonnen. Also dränge auf Verlängerung und Prüfung hinsichtlich der Beteiligung der Konrad GmbH.“ Er stieg mit Mappe und kreisenden Gedanken wieder in sein Auto.

Nicht zum ersten Mal spielte er Feuerwehr in seiner Firma, aber selten war der Anlauf so kurz. Er gabelte an der Kreuzung seinen Kollegen Heintzen auf und beide suchten einen Parkplatz. Ihnen blieben noch 30 Minuten bis zum Termin. Heintzen war nicht wirklich in den Grippewelle Fall involviert, wusste jedoch einige Details. Allerdings waren harte Verhandlungen nicht seine Stärke. Heintzen versorgte ihn mit Randund Eckdaten, die er hochkonzentriert in sämtliche Gehirnschubladen ablegte. Er überfl og Martens Notizen und beschloss, ohne Strategie und alleine in das Gespräch zu gehen. Reine Improvisation.

Okay. Showtime. Er nahm die Mappe, straffte die Schultern und betrat die Kanzlei. Dort komplimentierte man ihn erst einmal in einen Warteraum, der zugegebenermaßen sehr angenehm ausgestattet war. Erst nach 20 Minuten bat man ihn herein. Ein imposantes Besprechungszimmer mit hochwertigen Möbeln, schönen Gemälden und aufwändigem Stuck an der Decke sollte gediegene Überlegenheit signalisieren. Er war alleine in dem großen Raum. Er setzte sich nicht. Aufmerksam betrachtete er die Bilder an der Wand. Er war kein Kunstexperte und konnte den Wert nicht abschätzen. Stattdessen schwankte er zwischen Gefallen und Nicht-Gefallen und entschied sich letztlich für den ersten Eindruck: Der ganze Raum hatte keinen wirklichen Stil. Es war bloß protziges Gehabe.

Endlich öffnete sich die Tür. Ein Mann in Begleitung einer gutaussehenden Frau betrat den Raum. Sie kamen auf ihn zu. Er bewegte sich keinen Millimeter. Als sie sich vorstellten, war er sich sicher, dass sich ihre Namen nicht auf Martens Liste befunden hatten. Er wartete ab und überließ die Gesprächseröffnung seinem Gegenüber. Nach einem kurzen Höfl ichkeitsaustausch schwenkte der Mann auf das eigentliche Thema ein. Er redete von Wichtigkeit, Komplexität der Kausalitäten und Prüfungsbedarf.

„Mit einem Satz: Sie brauchen mehr Zeit!“, sagte er. Es waren seine ersten Worte. Der Mann und die Frau schauten betreten auf dem Tisch herum und schließlich in ihre Unterlagen. Ein Schwall großartig verpackter Banalitäten wollte sich gerade wieder auf den Weg machen, als er fragte: „Bis wann erhalten wir Konkretes?“ „Wir schlagen ein Treffen am 22. dieses Monats vor. Gleiche Uhrzeit.“ „Gut. Wir werden da sein.“ Er nahm seine Unterlagen, reichte der Dame und dann seinem Gesprächspartner die Hand, verabschiedete sich und beim Verlassen des Raums hatte er Mühe, nicht laut zu lachen.

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