Gleichgewicht und Vernunft

Schon seit ein paar Tagen lag Schnee in der Luft. Der Himmel hing tief und schwer über einer leisen Welt. Es schien, als ob Mensch und Tier die Köpfe einzogen und nur noch flüsterten. Alle hatten Vorräte angelegt, Holz gestapelt und ihre Häuser und Wohnungen – und Nester - auf den Einzug des Winters vorbereitet, der viel zu früh in diesem Jahr war. Der Wetterbericht ließ nichts Gutes hoffen. Heftige Stürme bei anhaltender Kälte bringen viel Schnee, so hieß es. 
Und so kam es. Zunächst wurde es ganz still und dunkel. Die Welt schien den Atem anzuhalten. Ein laues Lüftchen erhob sich. Innerhalb von wenigen Minuten wurde aus den kleinen Böen ein hinterlistiger Wind, ein übel gelaunter Sturm, ein jähzorniger Orkan. Er zerriss die Wolken, die den Schnee schon eine Weile mit sich trugen. Wild wirbelten die Flocken umher. Der Orkan pfiff und rüttelte an den Türen und Fensterläden, maß seine Kräfte mit Dachziegeln und Baumkronen und wütete immer gewaltiger, bis er einsah, dass er nicht gewinnen konnte. Denn Mensch und Tier hatten sich zu tief in ihre Behausungen zurückgezogen. Doch der Wintersturm wuchs zum wilden Blizzard, bäumte sich auf und spie Schnee auf ihre Welt. Er wütete in ihren Straßen, in den Gärten und fegte Schneeverwehungen meterhoch empor. Es sollte Mensch und Tier schwerfallen, aus ihren Verstecken wieder herauszufinden. Straßen und Wege lagen unter gewaltigen Schneebergen und waren nicht mehr zu erkennen. Die Stromleitungen waren vereist. Die Handynetze funktionierten nicht mehr.
Dann plötzlich nach vielen Stunden des Brausens verlor der Blizzard seine Kraft und zog sich zurück. Unheimliche Stille folgte dem Kreischen und Dröhnen der Urgewalt. Die Lautlosigkeit erschien nahezu ebenso bedrohlich wie das unbändige Getöse. Die Menschen lauschten, die Tiere verhielten sich ruhig und witterten der Gefahr entgegen. Nichts. Die Mutigsten unter ihnen bewegten sich zaghaft und wagten einen Blick hinaus. Weiß. Nichts als weiß. Die Welt schien begraben. Mut machte der vom Sturm blank gepustete strahlend blaue Himmel über der Schneewüste. Die Welt war nicht begraben. Sie war nur zugedeckt. Mensch und Tier kehrten zurück, eingemummt und aufgeplustert. Sie suchten Schaufeln und Besen und bahnten sich einen Weg. Zündeten Kamin und Heizung an, warteten auf Strom. Sie reparierten und räumten auf. Sie kochten, aßen und redeten. Hier und da war ein Lachen zu hören.
Sie hatten den Angriff der Natur überstanden. Seit vielen Jahren standen die Menschen im Krieg mit der Natur. Meist verletzten sie, die Menschen, die Regeln und zerstörten mutwillig und wohlwissend das Gleichgewicht. Doch immer häufiger schlug die Natur, ihre Balance suchend, in ungewohnter Härte zurück. Der Ausgang war stets ungewiss. Opfer waren meist zu beklagen. Die Leidtragenden des Krieges waren stets die Kleinen - wie immer in einem Krieg. 
Die Menschen führten diese Feldzüge, weil sie vergessen hatten, zu welcher Seite sie gehörten. Nur wenige standen im Einklang mit der Natur. Sie zeigten einen Weg auf und schritten voran. Andere folgten zögernd. Es waren noch nicht viele. Die Urgewalten wiesen die Richtung. Die Richtung zur Vernunft. 

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