Ganz im Flow

Wir in unserer westlichen Wohlstandsgesellschaft haben ja manchmal seltsame Probleme, die nur noch mit der Enge des uns zur Verfügung stehenden Lebensraums einigermaßen plausibel erklärbar sind. Wir leiden an einer unerklärlichen Sehnsucht nach Individualität, die durchaus auch in ihr Gegenteil kippen kann. Jahrelang konnte das Versprechen nach Unterscheidbarkeit noch trendgerecht und ohne großen Aufwand online eingelöst werden: Aus Fotos, Links und Postings lässt sich im Netz die ganz eigene Profilpersönlichkeit zusammenklicken. Facebook stellte erst kürzlich Filmchen aus der Timeline zusammen, die die Einzigartigkeit eines jeden dokumentieren sollte. Ein Leben wird in wenigen Augenblicken zusammengefasst. Auch im realen Dasein versuchen wir uns zu abzugrenzen. Im Café darf jeder sein Frühstück aus unendlich vielen Zutaten selbst zusammenstellen, jedes Essen wird zelebriert zu einer Feier des Einzigartigen. Getränke werden individuell zubereitet, ein Besuch bei Starbucks gleicht einem verbalen Hürdenlauf – ein Kaffee wie kein zweiter. Toll. 
Die Karawane der gleichgesinnten Individuen trifft sich in angesagten Szenelokalen, in denen die Macht des Unikats in der Vielfalt der Besonderen wie ein Soufflé in sich zusammensackt. Doch wo die Abgrenzung vom Mainstream derartig gesucht wird, wo zu diesem Zweck Kollektionen auffällig großer Brillen und Handtaschen, gleicher Lederjacken und Käppis angeschafft werden und geschwungen-bunte Schals und Chucks das Eigene erstrahlen lassen, ist vor lauter angehäufter Individualität mittlerweile keine Individualität mehr zu erkennen. Jetzt helfen nur noch geistige Attituden, die dem neu einsetzenden Trend versuchen Geist einzuhauchen. Wir sind aktiv, überzeugt, engagiert, mit uns und unserem Tun im Reinen, denn wir haben uns bewusst und nachhaltig (übrigens flaut dieser Trend der Nachhaltigkeit gerade wieder ab) für unsere Lebensweise entschieden. Wir haben Leben, Arbeit, Familie, Hobbys und Sport im Griff. Denn wir sind – Achtung: jetzt kommt der neue Trend – im Flow! Stress ist out, Flow ist in. Flow ist übrigens die Gegenbewegung zum Burnout. Denn schließlich sind die ausgebrannten und überforderten Seelen nicht gerade hip. Burnout wird momentan nur von den nicht angesagten Individuen, die die Trendwende verpasst haben, weiter betrieben. Alle anderen besitzen eine – zumindest nach außen hin kommunizierte – positive Work-Life-Balance. Überzeugungsarbeit in verbaler Manier leistet das inflationär gebrauchte Wort Flow.   
Wir arbeiten daran, eins zu sein mit den an uns gerichteten Aufgaben, da sind wir ganz individuell. Und haben ein Auge auf den nächsten Trend, der sich wahrscheinlich nahtlos anschließen wird. Spätestens wenn die anderen nachgerückt sind. Sozusagen im Flow.

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