Es war einmal...

...so beginnen die meisten Märchen und so endet manche Freundschaft.

Am Anfang war die beste Freundin oder der beste Kumpel. Wobei der Begriff nicht immer eine Person sein musste, sondern eher als Platzhalter fungierte. Im Kindergartenalter und manchmal auch noch in der Grundschule gab es Tagesfavoriten, genauso wie orts- und ereignisbezogene Kandidaten für den Titel beste Freundin/bester Kumpel im Urlaub, im Sportverein, bei der Oma ...

Irgendwann hatte man genug ausprobiert, war selbst als beste Freundin/bester Kumpel mehrfach verworfen worden und entschied sich dann dafür, den Platzhalter mit einer Person dauerhaft für alle Zeiten, das heißt den Rest der Schulzeit, der Ausbildungszeit, der Zeit im Elternhaus zu besetzen.

Analog zum Auswahlprozess der besten Freundin/des besten Kumpels gingen manche Zeitgenossen die Partnerwahl an: ausprobieren, verwerfen, neu definieren, ausprobieren, verwerfen und so weiter. Ein unersetzlicher Ratgeber war dabei natürlich immer die beste Freundin/der beste Kumpel: das jeweilige Urteil konnte dabei geschlechtsspezifisch bedingt völlig unterschiedlich ausfallen, war aber immer maßgeblich: während für die Interpretation des ersten Begegnung mit dem Angebeteten zusammen mit der Freundin problemlos ein komplettes Wochenende  draufgehen konnte, waren die Worte heiße Braut eine ausreichenden Würdigung des besten Kumpels für die neueste Flamme und bargen gleichzeitig das Einverständnis, zwei bis drei Abende pro Woche mit ihr und nicht mit den Fußballkameraden zu verbringen (außerhalb der Saison versteht sich).

Aber auch diese Phase ging zu Ende und mündete oftmals in einer festen Partnerschaft bei vielen gar in einer Ehe. Kam dann noch die Gründung einer Familie hinzu, setzte sich das Freundekarussell erneut mit beschleunigter Drehzahl in Bewegung. Jetzt mussten nicht nur der eigene Partner, sondern auch der Partner der Freunde und die eigenen Kindern mit den Sprösslingen der Freunde miteinander können. Ein schier unlösbares Problem, kam doch vielfach noch die eine oder andere Trennung hinzu, neue Partner, neue Kinder, Umzüge ...

Angekommen in der Rushhour des Lebens, bleiben tiefe Spuren auch auf der Landkarte der freundschaftlichen Beziehungen. Zwischen Partner, Kindern, und Job wird die Zeit schnell knapp und man überlegt genau, mit wem man die wenige Freizeit verbringen möchte. Das große Sieb des Lebens lässt manche halbgare Freundschaft durchfallen, die dann als unverbindliche Bekanntschaft unten ankommt. Hängen bleibt manchmal eine kleine, aber hoch konzentrierte Menge an Leuten, mit denen man wirklich gerne zusammen ist, Spaß haben und auch mal ein Problem offen ansprechen kann. Menschen, die die Lebensmitte bereits überschritten haben, berichten, dass auch diese Menge variabel ist. Schließlich ändern sich die Bedürfnisse und Interessen mit jedem Lebensabschnitt, was auch gut so ist. Und nicht jeder Freund kann damit mithalten oder entwickelt sich in die gleiche Richtung.  

Und dennoch gibt es - analog zum Märchen - tatsächlich Freundschaften, auf die der bekannte Schlusssatz zutrifft: und wenn sie nicht gestorben sind, so sind sie heute noch befreundet.

Sabine Rank-Amendt

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