Ein Mensch verschwindet

Ein Mensch verschwindet. Was bleibt, ist der Schatten, die Hülle, die Erinnerung, die manchmal aufblitzt und sofort wieder erlischt. Ein Lächeln, eine Geste. Doch die Person, die ein Leben begleitete, wurde Stück für Stück gestohlen. Demenz ist der Dieb, der den Menschen stiehlt, sein Wesen. Stück für Stück.
Zunächst dachte Conny Neuner, es sei das Alter, viel Stress und ein wenig zerstreute Schusseligkeit, als ihre Mutter Dinge verlegte, in ihrem Kurzzeitgedächtnis nach gerade Gesagtem suchte und plötzlich trotz guter Rente das Geld Mitte des Monats weg war. Es waren die ersten Zeichen, die sie nicht hinterfragte, weiß sie heute. „Wahrscheinlich wollte ich schon damals die Antwort auf die Frage, was da eigentlich vor sich gehe, nicht hören“, sagt sie. Conny Neuner ist eine geschulte Fachkraft des Pflegedienstes. „Ob ich professionell gesundheitliche Zustände anderer Menschen betrachte oder es meine Familie, meine Mutter betrifft, macht einen gewaltigen Unterschied. Ich bin emotional eingebunden, habe Angst und verliere etwas sehr wichtiges. Ich bin machtlos und muss damit umgehen.“ Das ist die Normalität der Betroffenen, sowohl von Patienten als auch ihrer Angehörigen. Die dementen Menschen selbst bemerken ihren Verlust. Das macht Angst – und verwirrt. Der Ausdruck ihrer Gefühle ist nicht immer möglich. Immer weniger. Sie verstehen vieles, geben jedoch keine passende Antwort. Dinge schlummern ungesagt und können ihren Weg nach draußen nicht finden. Sie werden unzufrieden, unverstanden, manchmal sogar aggressiv. Auf der anderen Seite sind die Angehörigen, die nach und nach Bekanntschaft mit einem Fremden machen, der nur noch äußerlich an die Mutter oder den Vater erinnert. Doch manchmal kehren Bruchstücke zurück. Worte, Satzfetzen. Erinnerungen. Tief im Blick des älteren Menschen liegt das Verständnis zwischen der Mutter und ihrer Tochter. Und nur diese beiden können es erkennen.

In der professionellen Betreuung von Demenzkranken fehlt das vollständige Wissen über die Biographie des Menschen. Sie kann auch nicht vorhanden sein. Andere wichtige Kenntnisse der Pflege wie Validation (Validation ist eine Methode, um mit desorientierten, sehr alten Menschen zu kommunizieren) und vor allen Dingen Geduld und Abstand sind wichtige Werkzeuge in der Begleitung eines dementen Menschen. Demenzkranke suchen Nähe. Trotz emotionalem Abstand. Sie brauchen geduldige Begleitung. Demenzpatienten tun Dinge wieder und wieder. Wieder und wieder. Wieder. Und wieder und wieder. Und dann noch einmal wieder. Und wieder. Das ist schwierig für Angehörige. Weil das wieder und wieder immer wieder passiert. Manchmal verändern sich die Patienten völlig. Aus zurückhaltenden und liebevollen Müttern und Vätern können hemmungslose und böse Stereotypen werden. Oder unternehmungslustige Wanderer, die auch fremde Schubladen durchsuchen. Das ist nicht böse. Das ist die Freigabe einer Idee, die zu nichts mehr passt, was ein gesunder Mensch erwartet. Oder versteht.

Das will niemand. Niemand sehen. Niemand hören. Niemand wissen. Denn dann blicken wir vielleicht unserer eigenen Zukunft ins Gesicht. So oder so.

Magazin