Ein Bemerkenswerter Tag

Geburtstagsfeiern sind immer ein schöner Anlass, in Familie zu schwelgen. Und heute war wieder ein solch bemerkenswerter Tag. Lena feierte ihren 47. Geburtstag und hatte zum Abend eingeladen. Da sie den Nachmittag nicht frei genommen hatte, blieb ihr wenig Zeit zum Vorbereiten und so hatte sie – wie üblich – um ein wenig Nachsicht gebeten.

Den Kuchen brachten Hannah und Margret, den Salat für das Abendessen richtete Irmgard, das Fleisch hatte Heinz besorgt und Hendrik die Kohle für den Grill. Tatsächlich hatte Lena Zeit gefunden, ein wenig Baguette einzuholen. Lenas Schwiegervater Horst brachte immer den Sekt und ein paar Flaschen Wein. Und ich hatte den Schlüssel, um den Tisch schon mal vorzubereiten. Auch dies würde wie üblich ablaufen. Wahrscheinlich war der große Esstisch in der Wohnküche noch voll beladen mit Frühstückgeschirr und Briefablage aus den letzten vier Wochen, ich rechnete mit Zeitungsstapel, die dem Stadtarchiv alle Ehre gemacht hätten, die Spülmaschine würde natürlich voll sein und sicherlich nicht eingeschaltet, im Flur schon würden sich Schuhe stapeln und die Winterjacken aus der letzten Saison die Garderobe verstopfen. Wenn dort einigermaßen Ordnung geschaffen wäre, würde es mir gerade reichen, die Teller und Gläser auf den Tisch zu stellen, bis die ersten Gäste kamen, die – wie immer – vor Lena eintrudelten. Wir würden die ersten beiden Flaschen Sekt schon geleert und auf unser Geburtskind angestoßen haben, wenn sich endlich der Schlüssel der Wohnungsbesitzerin im Schloss drehen würde. Dann würde Lena wieder ganz überrascht tun, sich von jedem küssen und herzen lassen und ganz die perfekte Gastgeberin spielen. Margret würde ihr ein Tässchen Kaffee, ein Glas Sekt und ein Stück Kuchen kredenzen, was sie huldvoll und mit treuem Augenaufschlag entgegennehmen würde. Ganz Grande Dame. Dann würde sie von ihrem stressigen Tag erzählen und dabei mit ihren schön manikürten Finger matt eine perfekt ondulierte Locke aus der Stirn streichen, die so verdächtig perfekt schwingen würde und ganz nach Profihand am beschäftigten Nachmittag aussah. Wir alle würden uns wieder ein wenig albern vorkommen, wie wir versuchten, Lenas Aufmerksamkeit zu erhaschen. Dann würden wir alle plaudern und Hannah wieder einmal dem Freund ihrer Schwester schöne Augen machen, Margret würde dann schnippische und spitze Bemerkungen über Hannahs erste Scheidung machen, um dann auf die zweite spektakuläre Trennung ihrer unausstehlichen Schwester - nein schwierigen Schwester, Verzeihung! – zu sprechen kommen. Daraufhin würde das Gezeter erst seinen Lauf nehmen, und weil jeder die Geschichte bereits mehrfach in epischer Breite gehört hatte, irgendwann anderen Gesprächen lauschen, die nicht minder spannend waren. Da waren die Nachkriegsgeschichten von Horst, der Nachbarschaftskrieg von Marianne in ihrem Viertel, die wunderbaren Kindergartenschichten von Selma und ihrem von ihr vergötterten vierjährigen tyrannischen Feldmarschall Marcus, der blöderweise wenig witzig aber eben total verzogen war. Dazwischen ich. Die ich nichts zur Unterhaltung jemals beisteuerte, aber immer als überdimensionales Ohr für jeden Narrateur diente. Hinter meinem Rücken würden sie über mich herziehen, weil es über mich nichts, aber auch gar nichts zu erzählen gab, noch nicht einmal so viel – oder wenig – dass ich es selbst als erwähnenswert erachten würde. Nach etwa vier Stunden wäre der Spuk vorüber, der Sekt leer getrunken, die Würstchen verspeist, der Salat welk, und einer der beiden Kuchen, nämlich der von Hannah, restlos verschwunden. Im Mülleimer. Lena würde jedem für die Hilfe danken, jeder würde sich großartig fühlen und sich vor dem nächsten Geburtstag grausen. Dem 48-sten.

Wie schön, dass Du geboren bist, wir hätten Dich sonst sehr vermisst.

Nur heute nicht. Für den heutigen Abend war ich bereits mit Elsa verabredet und hatte Lenas Schlüssel gar nicht erst angenommen. Wie sie wohl klar kommen würden...

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