Eigenleben

In der kleinen Straße standen nur wenige Siedlungshäuschen. Einst zeugten sie von bescheidenem Wohlstand, von Arbeit, Aufschwung, Familien und Nachbarschaft. Mittlerweile war eine andere Generation eingezogen. Sie hatten die Häuser renoviert, restauriert und modernisiert. Die Gärten waren für jetzige Verhältnisse sehr üppig bemessen und im Laufe der Jahre entstanden regelrechte kleine Parks, in denen die Häuschen nahezu verschwanden. Auch heute waren die ehemals bescheidenen Siedlungshäuser Zeuge eines gewissen Wohlstands. Eines jener Häuser fiel kaum auf. Es stand seit Jahren leer. Hinter Bäumen, Büschen und einer mächtigen Glyzinie schien es sich vor neugierigen Betrachtern verbergen zu wollen. Als ob es sich seines Zustandes schmollend schämte und einsam grämte. Die Bausubstanz war gut, der Schnitt des Hauses gefällig, das Grundstück nicht kleiner als die anderen und der Garten wurde einst liebevoll angelegt und imponierte heute als prachtvoller Park – wenn er denn gepflegt wäre. Und trotzdem hatte das Haus etwas Seltsames, Undefinierbares. 

Manchmal überkam jene seltenen Besucher der Straße das Gefühl, dass das Häuschen aus den halb geöffneten Fensterläden zu ihnen herübersah und sie beobachtete. Auch die Nachbarn waren sich insgeheim einig – ohne natürlich je darüber gesprochen zu haben – dass das Haus sie ansah. Was selbstverständlich nicht sein konnte. Ob jemand im Haus war? Vielleicht wohnte dort jemand, ohne angemeldet zu sein? Nein, das hätte man doch gesehen. Schließlich muss man ja mal einkaufen oder den Müll raustragen. Die Kinder dachten mit wohligem Schauer an Geistergeschichten kurz vor dem Zubettgehen.  

Es war so, als ob das Haus eine Seele hätte. Es konnte böse starren oder belustigt blinzeln. Es konnte gelangweilt verharren oder freundlich einladend sein. Dann spielten die Kinder vor dem Haus. Ganz Mutige, das waren schon ältere Kinder, wagten sich sogar in den Vorgarten. Wenn das Haus es zuließ! Aber niemand war je auf die Idee gekommen, das Haus zu kaufen. Es war einfach zu unheimlich. 

An einem sonnigen Sonntagmorgen, als die Welt in der kleinen, unscheinbaren Straße friedlich und rundum in Ordnung war, und selbst das verlassene Häuschen zufrieden in den Morgen blinzelte, parkte ein unbekanntes Auto in der Straße. Der Fahrer stieg aus, ging mit festem Schritt auf das kleine Häuschen zu, öffnete die Gartenpforte und zog einen Schlüssel aus der Tasche. Die Straße und alle seine Bewohner hielten die Luft an. Das Vogelgezwitscher verstummte, die Kinder in der Straße blieben stehen, wo sie gerade standen. Das Häuschen erschrak und blickte misstrauisch auf den Fremden. Als der Mann den Schlüssel ins Schloss stecken wollte, schien es, als ob die Tür ängstlich zurückwich. Jeder in der Straße hatte es gesehen, könnte es beschwören, aber niemand würde es später jemals zugeben. Der Mann stutzte und sah die Tür verwirrt an. Stille tröpfelte aus den Fugen der Eichentür, die als eisige Kälte verdunstete. Der Mann schüttelte sich. Mit einer schnellen Bewegung erreichte der Schlüssel das Schloss und mit einer entschlossenen Drehung war die Tür entriegelt. Der Mann drückte die Türe auf, die sich überrumpelt ihrem Schicksal ergab. 

Seit Jahren gefangener Staub ergriff schleunigst in einer dichten Wolke die Flucht. Der Flur holte tief Luft und saugte zugleich Sonne, Licht, Leben und den Fremden ein. Mit einem Rumms flog die Tür wieder ins Schloss. 

Auf der Straße herrschte für einen Moment entsetzte Stille. Dann öffneten sich die ersten Türen und Menschen traten vor die Häuser. Mit besorgten Blicken wandten sie sich dem Haus zu, das den Fremden verschlungen hatte. Kein Laut drang zu ihnen, nichts regte sich in der unbewohnten Düsternis. Was war jetzt zu tun? Da niemand jemals laut das Unheimliche genannt hatte, war es ihnen auch jetzt kaum möglich. Und so blickten sie verlegen - einer zum andern. 

Minuten verstrichen in quälender Länge. Plötzlich wurden die Läden und Fenster eins nach dem anderen weit geöffnet. Der Mann trat auf den kleinen Balkon im Obergeschoss, blickte auf die Straße und sah in die erhobenen, neugierigen Gesichter der Nachbarn. Er hob grüßend die Hand, nickte kurz den Menschen zu und ging etwas erstaunt über die Anteilnahme der Menschen wieder in das Haus. 

Ein Murmeln auf der Straße wies auf die Verwirrung der Nachbarn hin. Sie steckten die Köpfe zusammen und betrachteten Haus, Garten und Auto und hielten die Haustüre fest im Blick. Nach etwa einer halben Stunde öffnete sich diese und der Mann trat wieder ins Sonnenlicht. 

„Entschuldigen Sie bitte unsere Neugier. Ziehen Sie hier ein? Wissen Sie, das Haus steht schon lange leer“, wagte sich die Dame aus dem Eckhaus nach vorne. „Guten Morgen. Mein Name ist Frank Liebknecht. Offensichtlich gab es größere Differenzen in der Erbengemeinschaft, die jetzt beigelegt werden konnten. Ja, ich habe das Haus gekauft und werde nach einigen Umbauarbeiten hier einziehen. Ich bitte sie jetzt schon um Verständnis für die Unannehmlichkeiten während der Renovierungsphase“, sagte Liebknecht vorsichtig. Die Leute schauten interessiert von ihm zum Haus. 

Das Haus lächelte glücklich. 
 

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