Dramaqueen

„Wann haben Sie Frederick Eisenstein zum letzten Mal gesehen?“ „Gesehen? Hhm. Das war letzte Woche. Am Dienstag oder Mittwoch. Im Supermarkt habe ich ihn zufällig getroffen.“ „Und gestern? Auf der Feier bei Ihren Freunden, dem Ehepaar Siegrist?“ „Nein. Da haben wir uns verpasst. Als ich kam, war er wohl gerade gegangen. Ich kam erst nach neun Uhr, da ich gestern erst noch zu einem Elternabend musste.“ „Woher wissen Sie, dass Herr Eisenstein kurz vor Ihnen die Feier verlassen hat?“ „Na ja, er war das Thema des Abends. Offensichtlich hat seine Freundin während des Essens eine riesige Szene aufgeführt, woraufhin er ihr seinen Wohnungsschlüssel abgenommen hat. Das alles war ihm sehr unangenehm, erzählte die Gastgeberin. Frederick entschuldigte sich bei den Gästen und verließ dann die Feier.“ 

„Hatten die beiden häufiger Streit?“ „In letzter Zeit schon. Ja, schon eine ganze Weile. Frederick war gar nicht der Typ für große Auftritte, und Angelika liebte es, sich als ungeliebtes Opfer eines ignoranten Machos darzustellen. Eine richtige Dramaqueen. Das war ihm furchtbar peinlich. Ach, im Grunde genommen passten sie überhaupt nicht zusammen. Angelika sieht gut aus, ist leider etwas einfach gestrickt, wenn Sie verstehen, was ich meine. Und Frederick ist ein erfolgreicher Geschäftsmann. Und ein netter Kerl. Er sieht gut aus, ist sportlich und nicht ganz unvermögend. Allerdings spricht er darüber nicht und lässt es keinesfalls raushängen, wie man so schön sagt. Wissen Sie, er gehört zu den begehrtesten Männern hier. Er könnte wirklich jede haben und schlägt sich mit dieser hysterischen Angelika rum. Glauben Sie mir, das kann niemand wirklich verstehen.“

 „Sie mögen Angelika nicht besonders.“ „Na, was heißt mögen. Sie ist nicht meine Freundin und gehört zu meinem Bekanntenkreis auch nur deswegen, weil Frederick sie mitbrachte. Unterhalten kann man sich nicht mit ihr. Es sei denn, man will einen ganzen Abend über Mode, Kosmetik und Frisuren sprechen. Und darüber, dass Männer ohne Frauen den Alltag nicht meistern - nach Angelikas Meinung. Das ist mir zu fad. Außerdem mag ich wirklich nicht, wie sie ihn behandelt. Die Frau hat ein Problem mit uns. Mit uns meine ich den Freundeskreis. Wir haben sie nur als lästiges, aber leider nicht zu vermeidendes Anhängsel angesehen, die wir eher ertragen als willkommen geheißen haben. Wahrscheinlich hat sie das gemerkt und auf ihre einfältige Art versucht, aufzutrumpfen. Aber das scheint sich ja jetzt hoffentlich erledigt zu haben.“ 

„Als sie gestern bei den Siegrists ankamen, war Angelika noch da?“ „Nein. Sie ist kurz nach Frederick gegangen. Offensichtlich auch mit dem üblichen Drama und unter Tränen und Geschimpfe.“ „Hat sonst noch jemand die Feier verlassen?“ „Nein, nicht sofort.“ „Was heißt das? Wann gingen die ersten?“ „Die Schneiders gingen als erste. Das war so gegen elf, wenn ich mich recht entsinne. Und wie das so ist, brechen dann gleich mehrere auf, wenn jemand den Anfang macht. Georg, Marina und Fred gingen mit. Und Hans. Er sagte, er müsse am nächsten Morgen mit seiner Mannschaft auf den Fußballplatz. Er ist Trainer einer Jugendmannschaft, wissen Sie. So gegen zwölf, ich glaube es war sogar kurz nach zwölf, bin ich dann aufgestanden und wie lange die anderen blieben, weiß ich nicht.“ 

„Sie sagen, dass Herr Eisenstein seiner Freundin – oder Ex-Freundin – den Schlüssel abgenommen hatte.“ „Ja, so hat man es mir erzählt.“ „Wissen Sie, wer sonst noch einen Schlüssel zu Herrn Eisensteins Wohnung hatte?“ „Nein. Die Putzfrau vielleicht. Nein, niemand von uns. Denn wenn er in Urlaub fährt, gibt er immer Hans – das ist sein bester Freund, sie kennen sich noch aus der Schulzeit; ich übrigens auch – den Schlüssel. Sie wissen ja, Blumen, Zeitung, Post. Warum fragen Sie das alles? Wieso interessiert die Polizei ein Beziehungsstreit?“ „Weil Frederick Eisenstein gestern tot in seiner Wohnung aufgefunden wurde. Ermordet.“ 

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