Die Zeit, die Zeit

Peter Taler ist Witwer. Vor exakt einem Jahr wurde seine Frau vor der Haustüre ermordet. Sie hatte noch geklingelt und er hatte sie warten lassen. Er fühlt sich mitverantwortlich für ihren Tod. Taler sucht das Motiv und den Mörder. Um den Verlust zu verstehen, lässt er den letzten Abend immer wieder Revue passieren. Ganz praktisch. Jeden Abend kocht er dasselbe Gericht, trinkt das gleiche Bier, zündet eine Zigarette für seine Frau an, obwohl er selbst gar nicht raucht. Er hat ihre persönlichen Dinge niemals weggeräumt, so als ob sie gleich nach Hause käme. Taler steht jeden Abend am Fenster und beobachtet seine Nachbarschaft. An jenem bewussten Abend war etwas anders als sonst, aber er findet nicht heraus, was es war.

Taler bemerkt nicht, dass er seinerseits schon längst beobachtet wird. Der knurrige, 81-jährige Nachbar Knupps nimmt Kontakt zu Taler auf. Er scheint Informationen zum Tode Talers Frau zu haben. Doch er will eine Gegenleistung: Er will, dass Taler ihm hilft. Knupps Frau starb an Malaria. Sie erkrankte nach einem gemeinsamen Urlaub, der Knupps Idee gewesen war. Auch er fühlt sich schuldig. Er will die Vergangenheit ändern. Knupp ist überzeugt, dass Zeit nicht existiert. Nach seiner Theorie sind es die Veränderungen, die an Zeit glauben lassen. Gäbe es keine Veränderungen, so würde die Zeit nicht fortschreiten. Also will er alle Veränderungen mithilfe von Taler rückgängig machen, um in das Jahr 1991 zu gelangen. 

Der Autor Martin Suter schafft mit seinem Roman mehr als nur einen Krimi. Es ist nicht gerade ein fröhlicher Plot, den er entwirft. Die Geschichte lässt an der Verzweiflung von Trauernden teilhaben, für die ab einem gewissen Punkt die Zeit aufhört voranzuschreiten. Sie halten einen bestimmten Moment fest, in dem sie Veränderungen nicht zulassen, aus Angst, den geliebten Menschen ganz zu verlieren. 
Seltsame Zeitleugnungstheorien und detailverliebte Umbaumaßnahmen an Garten, Haus und Nachbarschaft Knupps zehren zwar etwas an der Geduld des Lesers, doch schafft Suter damit eine Atmosphäre, in der man die beiden Witwer in ihrem Versuch, die schicksalhafte Katastrophe abzuwenden, antreffen kann. 
Es ist ein intelligentes Buch, das Martin Suter geschrieben hat. Es ist jedoch keines, das jeden Geschmack auf Anhieb treffen wird. 
Die Zeit, die Zeit
Martin Suter
Diogenes Verlag
ISBN 978-3257242614
 

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