Die Realität ist nicht genug Web 2.0

Stimmt das so? Was ist die Realität überhaupt noch? Als Realität begreifen wir die Welt, die sich fühlen, greifen, sehen und erleben lässt. Von wirklicher Luft umhüllt, mit Aroma und Geschmack. Wirkliche Gespräche mit Menschen, Interaktion, Geschehen, das passiert in Raum und Zeit. Der Trend geht zum Zweitleben, genannt Second Life, wie es ein Forum im Internet auch bietet. Der Kniff ist, dass viele Faktoren, die wir oben zur Definition der Realität herangezogen haben, vorhanden sind. Der Sprung vom Erst- zum Zweitleben ist also gering. Es ist ein Stück Realität. Oder zu einem Stück Realität geworden.

Was ist das eigentlich: WEB 2.0?

Dieser Begriff wurde geprägt, als nach dem Zusammenbruch des Internet-Booms in der zweiten Hälfte der Neunziger Jahre, das Geschäft mit den digitalen Medien wieder erstarkte. Es ist ein Synonym dafür, dass das damals totgesagte Internet ab 2001 wieder einen Markt bot.

Heute wird der Begriff auch zusammenfassend für die neuen Möglichkeiten im Internet gebraucht. Web 2.0 bezeichnet hier das interaktive Netz, das den Usern die Möglichkeit bietet, das Netz dynamisch zu nutzen und mitzugestalten. Beispiele für diese Nutzung wären zum Beispiel Podcasts oder Blogs.

Podcast? Blog?

Ein Podcast ist eine Aufzeichnung einer Ton- oder Videosequenz, die im Internet zum Download zur Verfügung gestellt wird. Podcasts können privater Natur sein: ein Internet-User stellt persönliche Dateien bereit oder ein Radio- oder Fernsehsender bietet auf einer Website zum Beispiel die aktuellen Nachrichten an. So ist man nicht mehr auf die Sendezeiten der Medien angewiesen, sondern kann sich die Sendungen anhören, wann man will. Der Name kommt übrigens vom MP3 Player i-Pod.

Ein Blog, eigentlich Weblog, ist ein Forum, das ein User, der „Blogger", zur Verfügung stellt. Hier äußert er persönliche Ansichten zu nahezu jedem Thema, das man sich vorstellen kann und gibt Lesern die Möglichkeit, sich zu den Ansichten zu äußern. Es ist also ein öffentlicher Austausch, der offen für alle User ist.

Ist Youtube, von dem man in letzter Zeit so viel hört, dann ein Podcast?

Nein. Youtube ist eine Plattform, auf der man Videos aller Art zum Ansehen uploaden kann. Das reicht vom Lieblingsausschnitt aus der Lieblingsserie über den Geburtstag der Tante bis hin zum Rockvideo einer Band, die erst noch bekannt werden möchte. Solche Plattformen gibt es mittlerweile zuhauf im Internet. Für Bilder gibt es zum Beispiel Flickr.com; für Künstler, die ihre Werke ausstellen wollen, passt Myspace.com.

Wenn jeder einfach alles ins Netz stellen darf, gibt es vermutlich ein ziemliches Jugendschutzproblem, oder? Und wie ist das mit Bildern oder Videos, die geschützt sind? Da gab es doch Riesenärger mit irgendwelchen Austauschbörsen?

Zugegeben, es gab Riesenärger und der ist teilweise noch nicht verraucht. Meist ist das Hauptproblem, dass die Rechtsordnung an den Landesgrenzen endet. Wenn also jemand beispielsweise Nazisymbole veröffentlichen will, bekommt er auf einem deutschen Server Ärger. Aber in USA sind diese Symbole nicht verboten. Also suchen die Leute sich die Lücken in der internationalen Gesetzgebung. Zum Glück sind Dinge wie Kinderpornografie fast überall strafbar. Aber eben nur fast überall. Und es gibt Regime, die sich um das, was auf den Internet Servern innerhalb ihres Gebietes liegt, überhaupt nicht kümmern.

Was nun den Austausch von Audio Dateien, also von Musik betrifft, so gibt es hier derzeit eine rechtliche Grauzone. Unter bestimmten Umständen darf getauscht werden, aber die Musikindustrie wehrt sich hier vehement gegen diese Möglichkeiten, weil der Industrie und den Künstlern Tantiemen entgehen. Allerdings gibt es auch Künstler, die den kostenlosen Download von Musik unterstützen: David Bowies letztes Album konnte man auf seiner Homepage schon vor der offiziellen Veröffentlichung downloaden!

Die Kinder meiner Freunde benutzen für ihre Schularbeiten seit einiger Zeit eine Seite, die Wikipädia oder so ähnlich heißt. Was hat es damit auf sich? Sind die Informationen, die dort gegeben werden, vertrauenswürdig? Wer erstellt eigentlich die Informationen dort?

Du meinst Wikipedia. Das ist das mittlerweile größte Lexikon der Erde. Wikipedia ist also ein Nachschlagewerk, das unzählige Querverweise enthält. Das ist Internet perfekt: Man kann sich quer durch geballtes Wissen klicken! Die angebotenen Informationen sind unübersehbar. Und das Angebot erweitert sich ständig, weil jeder an diesem Lexikon mitarbeiten kann. Es ist interaktiv, das heißt, wenn ich einen Artikel gelesen habe, dem ich etwas hinzufügen möchte, kann ich dies tun. So hat der nächste User weitere Infos zum Thema. Phantastisch ist, dass der Missbrauch, den man ja vermuten würde, extrem gering bleibt. Alle User achten gemeinsam darauf, dass das Lexikon nicht mit Schwachsinn, Werbung oder kruden politischen Ansichten „verschmutzt" wird. Schließlich hat (fast) jeder User Interesse daran, dass Wikipedia noch informativer wird. Und was die Qualität betrifft: In einigen Bereichen ist Wikipedia in Deutsch bereits auf Brockhaus Niveau, in anderen wächst es erst. Aber wie gesagt: Es wächst ständig, wird also in Umfang und Qualität bald alle Nachschlagewerke hinter sich gelassen haben.

Und diese ICQ und MSN: Ist das so eine Art SMS im Internet?

Nein! ICQ und andere Kommunikationsmedien gehen weit über die Möglichkeiten von SMS hinaus. Als ICQ Nutzer sehe ich, wenn ich mich anmelde, wer online ist und habe die Möglichkeit andere User gezielt anzusprechen. Die Kommunikation reicht vom Smalltalk bis hin zur Diskussion über Programmierprobleme. Online Spieler treffen sich hier, um sich über Ergebnisse oder Tricks auszutauschen, Schüler tauschen Hausaufgaben aus, Lehrer bestimmt auch, und zarte Bande werden geknüpft. Vom philosophischen Exkurs über die Eheanbahnung bis zur Frage, wer die beste Einspielung der Bachschen Goldberg-Variationen abgeliefert hat, findet man hier alles.

Aber Du nutzt doch selbst Angebote, die dem Web 2.0 zugerechnet werden: Du bist aktiv bei Xing?

Ach, Xing ist auch Web 2.0? Das war mir nicht klar. Mir kommt es manchmal wie eine Kontaktbörse vor - nur dass es eben nicht um Beziehung, sondern um Geschäftskontakte geht. Wobei ich manchmal das Gefühl habe, dass bei einigen die Grenzen eher fließend sind. Aber im Ernst: Xing nutze ich natürlich, bin sogar Moderator in einer der Gruppen: Bei den Psychologen. Zum einen, weil man dort nützliche Kontakte knüpfen kann und zum anderen, weil ich mit Hilfe der Diskussionen, die dort geführt werden, auf dem aktuellen Stand der Fachdiskussion in meinem beruflichen Bereich bleiben kann. Zumindest ist das die Theorie. In der Praxis sieht es freilich oft anders aus. Ich habe den Eindruck, die relative Anonymität des Internets (immerhin kann ja keiner wirklich nachprüfen, ob die Angaben in den Nutzerprofilen im Einzelnen auch der Wahrheit entsprechen), verführt manche Leute dazu, sich, nun ja, sagen wir mal eher nicht so sehr sozialverträglich zu benehmen.

Das mit der fehlenden Nachprüfbarkeit ist so eine Sache: Was sagt denn die Psychologie zu diesem Thema?

Wie immer sagt sie, dass das alles nicht vorneweg schlimm ist. Natürlich treiben sich im Internet jede Menge Leute herum, die in Wirklichkeit ganz anders sind als sie sich im Netz präsentieren. Da wird mit Identitäten und Möglichkeiten gespielt. Eine alte Nutzerregel besagt, dass wenn Dir im Internet eine Frau begegnet, diese mit großer Wahrscheinlichkeit in Wirklichkeit eine Gruppe 16-jähriger Jungs ist - und da ist was dran. Aber schlimm ist das nicht. Gerade bei Heranwachsenden ist das auch ein Ausprobieren von Rollen. Die spielen in Rollenspielen die Rollen von Helden, Schurken, Elfen und so weiter, verhalten sich entsprechend, nehmen wahr, wie darauf reagiert wird - und lernen durchaus auch daraus. Wie gesagt: Daran ist nichts Verwerfliches. Problematisch wird es freilich, wenn die imaginierte Rolle wichtiger wird als die eigene Person in der Realität. Wenn Menschen sich zunehmend wohler in ihrer Internetrolle als in der wirklichen Welt fühlen. Und solche Fälle gibt es. Allerdings nicht in dem Umfang, wie einem so manche kulturpessimistische Übelkrähe glauben machen will. Das Internet ist eben etwas sehr Menschliches: Ein großartiges Werkzeug, mit dem man auch jede Menge Unsinn anstellen kann. Aber zum schießwütigen Zombie wird man durch das Internet nicht - da bedarf es ganz anderer Einflüsse.

Unterscheidet sich Kommunikation im Internet denn von normaler Kommunikation?

Oh ja, und das ist manchmal ein echtes Problem. Das Internet ist ja ein Schriftmedium, das heißt Kommunikation passiert durch den Austausch von Schriftzeichen und nicht - wie beim Gespräch - durch den Austausch von Lauten. Hört sich banal an, hat aber gravierende Auswirkungen. Wir sind es gewohnt, dass wir, wenn wir eine schriftliche Mitteilung machen (also einen Brief schreiben), erst einmal eine ganze Weile auf die Antwort warten müssen, auf die wir dann wiederum reagieren können. Im Internet ist das ganz anders. Die Antwort erfolgt unter Umständen unmittelbar. Es ist möglich, ein Gespräch zu führen. Das ist neu. Das Medium Schrift erlaubte bisher keine Unterhaltungen. Das bedeutet: Einerseits ist Konversation im Internet wie ein mehr oder minder normales Gespräch. Andererseits aber unterscheidet es sich ganz massiv von normalen Gesprächen: Es fehlt ja ein Kommunikationskanal, nämlich der ganze Bereich der non- oder paraverbalen Kommunikation, also Gestik, Mimik, Körperhaltung, Lautstärke, Sprechgeschwindigkeit. Das ist in gewisser Weise fatal, denn über non- und paraverbale Kommunikation wird weitaus mehr Information übertragen als über verbale Kommunikation. Diese Information fehlt, während aber gleichzeitig die Kommunikation fast so schnell verläuft wie ein normales Gespräch zweier Menschen, die sich von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. Das führt dann natürlich häufig zu Missverständnissen.

Wie bei Telefongesprächen eigentlich.

Nein, nur teilweise. Bei Telefongesprächen fällt zwar der ganze nonverbale Bereich ebenfalls weg, aber der paraverbale bleibt immerhin erhalten: Ich kann zwar nicht sehen, ob meine Gegenüber lächelt, weint oder böse guckt, ich kann es aber bis zu einem gewissen Grad aus der Stimme erschließen. Im Internet ist auch das unmöglich. Emoticons - also Zeichen, die über das Gesagte hinaus Auskunft geben, wie es zu verstehen ist - sind da ein sehr schwacher Ersatz: Eine Geste, eine Modulation der Stimme, eine kaum wahrnehmbares Verziehen des Gesichts kann so unendlich viel mehr ausdrücken als ein popeliger Smiley, der mir mitteilt, dass ich das Gesagte doch bitteschön eher fröhlich verstehen soll.

Für Sie haben gechattet
Dipl.-Psychologe Christoph Frey
und Webdesigner Matthias Ibelshäuser

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