Die besten Freunde

„Du bist nicht mehr meine beste Freundin", sagt die siebenjährige Klara zur gleichaltrigen Leonie. „Noch nicht mal mehr meine zweitbeste", gibt sie noch eins drauf. Schneidende, machtvolle Worte, die ihren Sinn nicht verfehlen. Sie treffen dort, wo es am meisten weh tut: in der Seele. Dort wo sich die Zuneigung zum anderen mit dem zutiefst eigenen Selbstbewusstsein treffen. Denn die besten Freundschaften, ob bei Männern oder Frauen, entspringen in den wenigsten Fällen der selbstlosen Nächstenliebe. Sie dienen eher dem Selbstzweck. Spiegeln sie doch das eigene Ich. Wer bin ich, mache ich alles richtig? Bitte kommentiere mit mir mein Leben und gib mir Recht! Manchmal dienen Freundschaften einfach auch dem gemeinsamen Zeitvertreib oder sind auf bestimmte Lebenssegmente beschränkt. Vielleicht ist die Freundschaft auch ein Mittel, die eigene Person zu komplettieren, wenn der andere Eigenschaften besitzt, die man selbst gerne hätte, sie aber nun mal fehlen.

Beste Freundschaften - und da liegt die Betonung nun auf dem zweiten Teil des Begriffs - sind gewachsene Verbindungen, die auf Vertrauen, Zuneigung und Wissen um die eigene und andere Person basieren. Fallen sie weg, aus welchem Grund auch immer, reißen sie eine Lücke. Diese Lücke gibt Auskunft über die Tiefe der endenden Verbindung. Und über die Ernsthaftigkeit. Fällt die gelebte und geliebte beste Freundschaft weg, ist eine Leere spürbar, die einsam macht. Was genau ist Einsamkeit? In seinem Buch Nachtzug nach Lissabon kämpft Paul Mercier mit der Definition des Begriffs Einsamkeit: „Wenn uns die anderen Zuneigung, Achtung und Anerkennung entziehen: Warum können wir nicht einfach zu ihnen sagen: Ich brauche das alles nicht, ich genüge mir selbst? Ist es nicht eine schreckliche Form von Unfreiheit, dass wir das nicht können? Macht es uns nicht zu Sklaven der anderen? Welche Empfindungen kann man dagegen aufbieten als Damm, als Schutzwall? Von welcher Art muss die innere Festigkeit sein?" Nun gibt es diese Menschen, die mit erstaunlicher Beziehungselastizität sowohl ihre Freundschaften wie auch ihre Partnerschaften austauschen können, ohne der Falle Einsamkeit zum Opfer zu werden. Scheinbar. Denn nach Mercier bedarf es einer inneren Festigkeit, um in der Tat gefeit gegen jenes an den Grundsäulen rüttelnde Gefühl zu sein, das Beweggrund für viele Handlungen und ebenso für das Unterlassen von Kommentaren und eigener Meinung ist. In grundsätzlicher innerer Sicherheit befinden sich jene Menschen, die wir gerne zu Freunden hätten, denn sie haben Kraft, sind so, wie wir gerne wären. Sie haben etwas zu geben. Über die Intensität von Begegnungen und Freundschaften lässt sich Mercier in gleichem Buch mehrfach aus: „Gleiten unsere Blicke nicht immerfort an den Anderen ab, wie in der rasenden Begegnung des Nachts, und lassen uns zurück mit lauter Mutmaßungen, Gedankensplittern und angedichteten Eigenschaften? Ist es nicht in Wahrheit so, dass sich nicht die Menschen begegnen, sondern die Schatten, die ihre Vorstellungen werfen?"

Wenn die besten Freunde eine Freundschaft verbindet, so hat diese Verbindung immer einen Zweck, dessen Erfüllung Beweggrund und haltendes Band ist. Kann der eine in den Augen des anderen das sehen, was er wünscht? Oder zeigt der Spiegel ein Bild, das man nicht erkennt - erkennen will? Ist nichts mehr zu sehen, wird der Spiegel blind, dann erlahmt die Freundschaft. Doch einfach austauschbar sind Freunde oder Partner nicht. Wirkliche Freundschaft zu einem Menschen ist niemals zu ersetzen. Es gibt nur andere - niemals gleiche.

Paul Mercier: „Freundschaften haben ihre Zeit. Und sie enden!"

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