Diagnose Hirntumor

Im Frühjahr 2009, während ihres schriftlichen Abiturs, erhält Kim-Vanessa Mathes plötzlich die Diagnose Hirntumor. Zahlreiche Operationen verbunden mit unermesslichen Schmerzen sowie Reha-Aufenthalte an der Schweizer Grenze prägten das Leben der 20-Jährigen im vergangenen Jahr.

Nach mehreren Fehldiagnosen offenbarte ein CT-Bild die Ursache für Kims anhaltende Kopfschmerzen, Schwindelanfälle und die verzerrten Doppelbilder: Ein bereits auf drei Zentimeter gewachsener Tumor im Kopf. Es wurde schnell operiert. Die Ärzte setzten ihr einen Shunt ein, eine künstliche medizinische Verbindung, die den Flüssigkeitsübertritt von zwei getrennten Systemen regelt, damit das Hirnwasser besser ablaufen kann. Dieser entzündete sich jedoch und sie bekam hohes Fieber. Kim fiel ins Koma. Als es ihr endlich besser ging, wurde Kim von einer Mittelohrentzündung und Problemen mit dem Blinddarm erneut zurückgeworfen.

Neben ihrer Erkrankung führten die vielen chirurgischen Eingriffe am Kopf und an den Augen dazu, dass sie ihren Gleichgewichtssinn gänzlich verlor und auch andere physische Fertigkeiten wie Laufen, Sprechen und Schreiben wieder neu erlernen musste. Das nahm Monate in Anspruch. Im Interview mit Chili erzählte sie stolz, dass sie nun wieder Radfahren könne. Bei Blicken nach rechts oder links habe sie anfänglich häufig das Gleichgewicht verloren und sei gestürzt. Doch nun nehme sie sogar das Rad, um zum Nachbarort zu fahren. Auch habe sie angefangen, Italienisch zu lernen, und gibt Schülern weiterhin in allen Fächern Nachhilfe.

Erfolgreich holte Kim im letzten Jahr das mündliche Abitur nach. Ab Oktober will sie Kunstgeschichte studieren und auch irgendwann im Ausland arbeiten. Obwohl sie im Verlauf ihrer Krankheit immer wieder Rückschläge einstecken musste, will sie weiterhin kämpfen und ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Mit großem Talent malt sie in ihrer Freizeit Bilder, die sie verkauft. Malen und Schreiben seien ihr eine größere Hilfe als psychotherapeutische Betreuung, so Kim. Schon im Krankenhaus nahm sie sich vor, über ihre Erkrankung ein Buch zu schreiben. Dieses wird voraussichtlich im November 2010 auf den Markt kommen. Vieles aus der Zeit der Behandlung und Genesung hat sie vergessen, doch mithilfe der Aufzeichnungen ihrer Mutter gelingt es ihr, Gedächtnislücken zu überwinden. Kim erhofft sich mit ihrem Buch, mehr Bewusstsein für Menschen mit ihrer Erkrankung zu schaffen, und wünscht sich mehr Anteilnahme, Verständnis und Toleranz.

Leider gelang es den Ärzten nicht, den Tumor vollständig zu entfernen. Auch heute noch sieht Kim, wenn sie ihren Kopf zur Seite neigt, Doppelbilder. Beim Treppensteigen ist sie sehr vorsichtig. Morgens muss sie frühzeitig aufstehen, wenn sie einen Termin hat, da sie immer noch Anlaufschwierigkeiten hat. Kim arbeitet daran, ihren gesundheitlichen Zustand künftig noch weiter zu verbessern und ihre Zukunftspläne zu verwirklichen.
Kim-Vanessa Mathes wohnt zusammen mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder in einem kleinen Ort in der Pfalz.
In ihrem Buch C71,6 Diagnose Hirntumor beschreibt Kim, wie es ist, plötzlich mitten aus dem Leben gerissen zu werden und alles zu verlieren, was einem wichtig ist. Sie erzählt von Krankenhausaufenthalten, Ärzten, Reha aber auch von Ängsten, Enttäuschungen und Hoffnungen. Immer wieder musste sie neue Rückschläge verarbeiten, hat erlebt, wie es ist, wenn sich frühere Freunde von einem entfernen und was es heißt, von anderen abhängig zu sein.
C71,6 Diagnose Hirntumor ist ein Buch, das sehr private Einblicke in das Leben, die Gedanken und Emotionen von Kim-Vanessa Mathes erlaubt.


Ann-Kristin Heß

Magazin