Der Junge im gestreiften Pyjama

Mysteriös ist der Klappentext des Buches Der Junge im gestreiften Pyjama. Der neugierige Leser wird darauf hingewiesen, dass er bewusst keine Information über den Inhalt erhält. Unvoreingenommen soll er der Geschichte begegnen. Der Leser wird sofort in die Geschichte, die mit vielen Fragezeichen beginnt, hineingezogen. Der irische Autor John Boyne versteht es, mit der leichten Sprache seines Protagonisten, dem neunjährige Bruno, den Leser zu fesseln. Der Junge, aus dessen Blickwinkel die Geschichte erzählt wird, wächst in Berlin zur Zeit des zweiten Weltkrieges auf. Das Haus, das er mit seinen Eltern und seiner zwölfjährigen Schwester bewohnt, zeugt von Wohlstand. Bruno fühlt sich wohl in seiner Umgebung, mit seinem sozialen Umfeld und seiner Gesamtsituation. Umso schlimmer trifft es den Jungen, als er erfährt, dass er und seine Familie Berlin verlassen müssen. Seine Fragen nach dem Warum laufen ins Leere, die Mutter, die aus medizinischen Gründen Sherry trinkt, reagiert gereizt. Die Hausangestellten packen die Koffer und räumen das geliebte und elegante Haus leer. Bruno findet sich wieder an einem Ort Aus-Wisch. Schrecklich empfindet er seine neue Umgebung, wo keine anderen Kinder zum Spielen sind, das Haus hässlich ist und ein Stacheldrahtzaun tausende Menschen in gestreiften Pyjamas einschließt. Bruno will weg von diesem Ort, doch die Ohren seiner Eltern hören seine Fragen nicht und vertrösten ihn auf eine absehbare Zeit. Sie handeln auf Befehl des Furor – des Führers. Der Junge versteht nicht den Krieg, nicht, was die Menschen hinter dem Zaun machen und warum er den Jungen Schmuel, den er auf einer seiner Erkundungstouren trifft, jenseits des Zauns nicht besuchen darf. Er sieht nicht, dass der Junge verhungert, auch wenn seine Hände so schmal sind und sein Gesicht so grau und traurig. Seine Vorstellungskraft reicht für den Horror der Nazis nicht aus. Allerdings ist ihm, dem Neunjährigen, eine gewisse egoistische Ignoranz auch nicht abzusprechen. Bruno erkennt auch nach einem Jahr nicht, dass es sich um Gefangene handelt. Er sieht, dass sein neuer Freund und die Haushaltshilfen von den Soldaten gequält werden. Obwohl er weiß, dass sein Vater Kommandant genannt wird, stellt er den Zusammenhang zu den offensichtlichen Verhältnissen nicht her. Unter dieser Naivität leidet die Glaubwürdigkeit der Geschichte nun doch. Die Wortneuschöpfung Aus-Wisch statt Auschwitz als reines sprachliches Unvermögen zu nehmen, was einige Kritiker des Buches anmerken, wäre allerdings zu kurz gesprungen. Stellt sie doch den eigentlichen Sinn des Lagers recht deutlich dar. Die Geschichte macht den zaghaften Versuch einer Erklärung, warum das grauenhafte Verbrechen an unzähligen Menschen im Dritten Reich geschehen konnte. Der Ire Boyne zeigt die Kinder auf beiden Seiten des Zauns als Opfer. Die Geschichte endet dramatisch, als Bruno doch ins Lager schlüpft und nicht als Kommandantensohn erkannt wird.

Das Buch berührt, indem es den Holocaust aus anderen Blickwinkeln beschreibt. Das nicht genannte Grauen lugt zwischen den Zeilen bedrohlich hervor. Der Junge im gestreiften Pyjama wird empfohlen ab einem Alter von 13 Jahren. Wir raten, junge Leser nicht mit der Aussage einer nichts ahnenden Bevölkerung alleine zu lassen. Diese Erklärung, warum das Verbrechen möglich war, wäre für die meisten Fälle zu bequem.

Der Junge im gestreiften Pyjama
Eine Fabel, John Boyne, Fischer Verlag
ISBN 978-3-596-85228-4