Der Duft des Sommers

Eine wohlige Ruhe inmitten von Vogelgezirpe und Blätterrauschen lag über Omas Garten. Die Nachmittagssonne malte wilde Muster aus Licht und Schatten auf den Rasen. Über Henriette breitete ein Kirschbaum weit seine Äste aus, die schwer von reifen Kirschen fast auf Greifhöhe des Mädchens reichten. Sie hatte schon eifrig von den süßen Früchten genascht. Sie hatte auch Kirschen für Oma gepflückt. Später wollten sie gemeinsam einen Kuchen backen. Neben Henriette, die gerade beschlossen hatte, eine Pause zu machen, lag Omas Katze und schlief. Oma hatte sie Herta genannt, was Henriette im Stillen unpassend fand. Sie wollte nicht unhöflich sein und beließ es dabei. Für sie hieß die Katze Sina. Eine Königin, elegant und wild – und frei. Henriette schaute in das Blätterdach über ihr und träumte von wilden Abenteuern mit der Katzenkönigin. Langsam schlossen sich die Augen des Mädchens.

Henriette erwachte, als sie hörte, wie Oma ihren Namen rief. Die Katze Herta spitzte die Ohren, ohne jedoch auch nur mit dem Gedanken zu spielen, durch eine weitere Bewegung ihre träge Sommerentspannung zu unterbrechen. Das Mädchen richtete sich auf, nahm die Schale mit den Kirschen und ging durch den großen, buntblühenden Garten, vorbei an den Gemüsebeeten, die mit einem kleinen Weg vom übrigen Garten abgetrennt waren. Oma stand am Haus und lächelte dem Mädchen entgegen. „Bring mir bitte noch von den Kräutern mit. Das Messer liegt dort drüben auf dem Stein“, rief sie der Kleinen zu. Behutsam schnitt Henriette ein paar Stengel der Kräuter ab, hielt sie unter ihre Nase und sog den würzigen Duft tief in sich hinein. Sie blieb stehen und fühlte dem Duft hinterher. Dieser war so anders als das, was sie erwartet hatte. Er musste unbedingt und sofort verglichen werden mit einem anderen Kraut. Zaghaft wagte sie einen Schritt in das Beet hinein und nahm vorsichtig ein Blättchen eines anderen Pflänzchens. Sie rieb es zwischen Daumen und Zeigefinger – so wie es Oma gezeigt hatte – und schnupperte daran. Sie atmete tief und war fasziniert von der intensiven Würze. Dieses gefiel ihr weitaus besser, weil es frischer, süßer und nicht so scharf roch. Das andere Kraut erinnerte an Suppe. Dieses eher an Kaugummi. Ja, genau: wie frisch ausgewickeltes Kaugummi. Henriette lief zurück zu den Blumen und hielt ihre Nase an einige Blüten. Sie wollte sie nicht abschneiden. Das fand sie zu schade. Nur Oma schnitt Blumen ab, und das auch nur dann, wenn sie verblüht waren. Oder krank. Henriette verglich den süßen Duft der rosafarbigen Blüten mit dem Kaugummi-Kraut. Wäre das nicht ein herrliches Kaugummi, das so frisch-süß schmeckte. Oma stand nun neben ihr und betrachtete ihr Enkelkind. Sie lächelte. Natürlich schnupperte sie sofort an der Minze und der Rose, wie Henriette es tat und verstand, was die Kleine versuchte zu kombinieren. „Nimm eine Kirsche in den Mund und beiß darauf. Schluck aber nicht runter. Und dann rieche noch einmal an Deinen beiden Pflanzen. Hole ganz tief Luft. – Wie ist das? Versuche es auch mal mit einer Erdbeere.“ Henriette tat, wie ihr geheißen und lächelte kauend und schnuppernd. „Wir backen jetzt einen Kuchen. Nehmen Kirschen und ein paar Erdbeeren dazu und legen anschließend oben auf die Früchte einige Minzblättchen. Eine Rose darfst Du mit langem Stil abschneiden, damit Du den Duft bei Dir hast“, sagte die Großmutter. Mit den Schätzen des Gartens bewaffnet gingen die beiden ins Haus.

Heute ist Henriette selbst Mutter. Die Oma starb vor vielen Jahren. Doch jeden Sommer besucht sie das Haus und den Garten ihrer Kindheit. Eine Familie lebt nun darin. Vieles ist anders als früher. Der Kirschbaum steht nicht mehr und das Gemüsebeet musste modernen Loungemöbeln weichen. Und doch – ohne sich wirklich anstrengen zu müssen - hört Henriette noch immer die Stimme ihrer Oma und rings um sie herum ist der Sommer voller Minze, Rosen und Kirschen.

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