Das perfekte Paar

Emma und Cedric begegneten sich zum ersten Mal auf einer Vernissage. Sie standen vor dem gleichen Bild, jeder hielt ein Glas Sekt in der Hand und eines jener leckeren kleinen Kanapees, die auf einer Platte herumgereicht wurden. Beide trugen eine beigefarbene Hose, weiße Schuhe und ein weißes T-Shirt mit dunkelblauem Blazer. Sie musterten sich verblüfft, wie sie ihrem eigenen Spiegelbild gleich voreinander standen. Sie fanden heraus, dass sie die gleiche Meinung über den Künstler teilten (interessant, aber etwas zu bemüht), das Publikum als wohlhabend aber ungebildet einschätzten, der Redner amüsierte sie und der Sekt war ein wenig zu brut für ihren Geschmack. Emma wunderte es dann schon nicht mehr, dass sie gleichzeitig vorschlugen, sich in ein kleines Weinlokal abzusetzen und dort noch einen wirklich schönen Chardonnay Sekt zu trinken. Den bevorzugten sie nämlich beide. Seit diesem Abend sahen sie sich beinahe täglich, denn wie ganz selbstverständlich teilten sie dieselben Interessen, sahen dieselben Filme, lasen dieselben Bücher und hatten eine Vorliebe für Wanderurlaube, die sie nun zusammen verbrachten. Ihre Übereinstimmung war schon unheimlich. Ihre Freunde, die sie natürlich nun aufeinander abstimmten, nahmen die beiden nun nur noch als eine Einheit war. Einzeln waren sie nicht mehr zu bekommen. Emmas Freundinnen zogen sich nach mehreren Versuchen enttäuscht zurück und Cedric bekam kaum noch Anrufe seiner Freunde, die ihn zu einem Kneipenbesuch animieren wollten. 
Drei harmonische Jahre vergingen, in denen nie ein Streit oder wenigstens eine Unstimmigkeit an der Symbiose Emma-Cedric gerüttelt hätte. Cedric beteuerte Emma stets aufs Neue, dass sie die ideale Ergänzung seines Ichs sei. Und Emma empfand sich selbst als ein Teil von ihm. Das perfekte Paar in himmelblau auf rosa Wolken. Der Gleichklang wurde so selbstverständlich, dass jede eigene Meinung, die eventuell abweichen konnte, hinuntergeschluckt, sogar selbst bezweifelt wurde. Kritik fand nicht mehr statt, da sie sie als unangemessen betrachteten. Sie befürchteten, dass abweichende Argumente das Gefüge ins Wanken bringen würden. Jede Äußerung des anderen wurde übernommen, verinnerlicht und als eigene unzensiert weitergetragen. Die Harmonie geriet immer mehr zum Zwang. Aufkeimende eigene Gedanken trafen auf Schuldgefühle. Emma wurde leiser, da sie kaum noch eigenes hinzuzufügen hatte und die Reproduktion von Cedrics Worten langweilig wurde. Sie lief nur noch nickend neben ihm her und hatte aufgehört zu denken. Ihre Freundinnen schüttelten mittlerweile nur noch frustriert die Köpfe, wenn sie sich sahen – was sehr selten vorkam und fast nie ohne Cedric. Emma empfand einen Stich, als sie es bemerkte. Sie wagte nicht, es Cedric zu erzählen, der eifersüchtig über ihre Zweisamkeit wachte. 
Drei Tage vor ihrem geplanten Wochenendtrip nach München überraschte Cedric Emma mit einem Geschenk. Er trug das Päckchen in einer Tüte einer sehr teuren, angesagten Boutique, in die sich Emma selbst noch nie getraut hatte. Erstaunt und voller Freude nahm Emma das Paket entgegen und öffnete vorsichtig und neugierig die große Schleife. Sie strich das Papier auseinander und – Emma traute ihren Augen nicht: Ein Kleid. Ein Kleid, das selbst ihrer Ur-Oma zu konservativ gewesen wäre. Schleifen, Rüschen und Spitze. Es war zu lang, die Größe stimmte ohnehin nicht und die Farben passten kein bisschen zu ihr. Ungläubig schaute sie Cedric an, der selbstgefällig über das ganze Gesicht grinste. Nicht der Hauch eines Zweifels, ob das Kleid Emma überhaupt gefallen würde, trübte seine Welt. So bemerkte er auch nicht Emmas entsetztes Gesicht. „Ich wusste, dass Du diesen Stil eigentlich viel lieber magst.“
Emma zog aus. Der letzte Rest ihres Egos hatte sich aufgebäumt. Cedrics Geschenk wirkte wie ein Tropensturm auf ein mit Zuckerguss verklebtes Puppenhäuschen. Es brach auseinander. Emma erkannte, dass er sie in all den Jahren der Harmonie nie wirklich wahrgenommen hatte.