Das Glashaus

Das Glashaus lag an zwei stark befahrenen Straßen. Rechts und links reihten sich Geschäfte. In den oberen Etagen der Häuserblocks waren Praxen und Büros angesiedelt. Man munkelte von repräsentativem Wohnraum in den stilvollen Altbauten, die im Krieg verschont geblieben waren. Die Straßen und Bürgersteige waren belebt, geschäftige Menschen zeigten stolz ihren Wohlstand. Das Glashaus war nicht gerade das, was man unter einer Eckkneipe verstehen würde. Die beiden Straßenfronten der Bar waren bis auf Tischhöhe verglast, Licht schien je nach Stimmung und Tageszeit in schönen Farben auf die Straße und angenehme Clubmusik ließ den Gast in eine Auszeit eintauchen. Martin liebte das Glashaus und verbrachte viel Zeit darin. Er entspannte häufig in seiner Mittagspause oder nach der Arbeit auf dem Weg nach Hause in der Glashausecke, von wo er beide Straßen im Blick hatte. So betrachtete er das Leben, von dem er ein Teil war, als Beobachter und hielt zumindest zeitweise ein wenig Abstand von der hektischen Geschäftigkeit. Martin beobachtete gerne die Menschen, die manchmal ganz in Gedanken an das nächste Meeting oder das letzte Kundentelefonat mit sich selbst sprachen. Er sah die Wichtigtuer, die Gestressten, die Diven, die Gefrusteten, die Fröhlichen und die Gleichgültigen. Martin versank manchmal völlig in seine Betrachtungen und spann zu jedem Gesicht eine eigene Geschichte. Er war ein Meister in der Deutung von Mimik und Körpersprache, so glaubte er zumindest. 
Dann sah er das Gesicht einer Frau mittleren Alters, gut gekleidet mit einem gepflegten Äußeren. Sie drückte eine Spannung aus, die ihn erschrak. Martin betrachtete die Frau fasziniert, deren Blick immer wieder zu einem schönen alten Haus auf der anderen Straßenseite glitt. Sie blieb stehen und schien sich neben einem großen Auto, das dort geparkt hatte, verstecken zu wollen, geradezu unsichtbar wollte sie werden – sich auflösen. Ihr Gesicht drückte einen Gemütszustand aus, der weit über Spannung hinausging. Angst war nur ein Teil davon. „Entsetzen!“, schoss es Martin in seine Gedanken. „Das ist Entsetzen“, sagte er sich und es wurde ihm klar, dass er noch nie so deutlich diese Emotion bei jemandem beobachtet hatte. Angst ja, Panik vielleicht, Ekel natürlich auch, aber noch nie Entsetzen. „Wahrscheinlich kann man dieses Gefühl sehr viel häufiger in Syrien oder in Teilen Afrikas von den Gesichtern ablesen“, dachte er und war dankbar für seine behütete Welt, in der Entsetzen wahrscheinlich nur in privaten Tragödien stattfand. Eine Menschentraube schob sich zwischen ihn und die Frau. Er suchte sie, aber sie war weg. Verschwunden. Eine Weile schaute er sich nach ihr um und fragte sich, was sie wohl erfahren oder gesehen hatte, dass sie zutiefst erschüttert hatte. 
Abends hörte er beiläufig in den Radionachrichten von einem Mord. Motiv sei unklar, vom Mörder keine Spur. Dann fiel der Name der Straße und seiner Stadt. Er erschrak und war sich ganz sicher.
Martin nahm sein Handy und wählte die Nummer der Polizei.  
 

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