Bildungslücke

Am ersten Wochenende im September geschah in der Pfalz etwas völlig Neues, wenngleich es nicht ganz überraschend kam: Die Eltern gingen auf die Straße, um zu demonstrieren. Sie forderten eine 100-prozentige Unterrichtsversorgung ihrer Kinder. Aus ganz Rheinland-Pfalz reisten etwa 500 Eltern und auch Schüler nach Neustadt an der Weinstraße, nahmen an der Kundgebung teil, zogen – friedlich - durch die Straßen und hefteten so genannte Denkzettel an die Struktur- und Genehmigungsdirektion in Neustadt, die die Zweigstelle der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion beherbergt.

Nicht neu ist das Problem des Unterrichtsausfalls an Schulen. Davon betroffen sind alle Schultypen bundesweit. Aufmerksam wurden Eltern und Bildungsverantwortliche durch das schlechte Abschneiden deutscher Schüler in internationalen Vergleichstests. Durch die Bildungshoheit der Länder wenden die Ministerien minimal unterschiedliche Lösungen im ihrem Bestreben an, die Zahl der ausfallenden Stunden auf ein Mindestmaß zu reduzieren. Statistiken dienen Schulen, der ADD und dem Ministerium dazu, einen Überblick über die Summe der Ausfallstunden zu bekommen. Aus ihnen ergeben sich Durchschnittswerte, die nur einen ungefähren Einblick, eine grobe Marschrichtung über den tatsächlichen Tatbestand vermitteln können. Diese können von Schule zu Schule abweichen und sich auch innerhalb einer Schule in unterschiedlichen Klassen unterscheiden. Die Statistiken stimmen jedoch generell nicht, können nicht stimmen und offensichtlich ist auch nicht gewünscht, dass man aus ihnen herauslesen kann, wie viel Stunden tatsächlich zu einer 100-prozentigen Versorgung fehlen. Die Fehler zur Erstellung der Statistiken haben schon Tradition. Obwohl schon seit Jahren von Schulelternbeiräten darauf hingewiesen wird, ändern die Statistiker nichts an ihrer Methode.
Mehrere Beispiele, die nicht vollständig alle Fehlerquellen wiedergeben, zeigen die Ungenauigkeit der Statistiken:
Die Gestaltung von Stundenplänen unterliegt einer so genannten Stundentafel, die schultypabhängig variiert. Aus dieser Stundentafel ergibt sich, wie viele Wochenstunden in einem Fach erteilt werden müssen. Unterteilt ist diese in die Klassenstufen 5 bis 6 und 7 bis 10.

Schnell wird bei der Durchsicht der Stundentafel (siehe Grafik)deutlich, dass erst am Ende der sechsten Klasse beziehungsweise am Ende der zehnten Klasse nachzuvollziehen sein könnte, ob die vorgegebenen Wochenstunden pro Fach überhaupt unterrichtet wurden. Dann ist es jedoch im Zweifel – und dieser Zweifelsfall ist nahezu die Regel – zu spät. Wenn jedoch die vorgesehenen Pflichtstunden überhaupt nicht auf des Schülers Stundenplan erscheinen und somit auch nicht erteilt werden, dann fällt offenbar auch keine Stunde aus. Damit ist für Eltern nicht oder nur mit Mühe erkennbar, dass es Unterrichtsausfall oder anders gesagt eine unterdurchschnittliche Unterrichtsversorgung gibt. In der Statistik der Ministerien erscheint der Mangel ebenfalls nicht, weil niemand über die Jahre die Karriere eines Schülers verfolgt. Dieser struktuelle Unterrichtsausfall ist der Stein des Anstoßes für die Demonstration der Eltern.

Sicherlich ist es den Ministerien, der ADD und selbstverständlich den Schulen und Lehrern ein Anliegen, den Schülern eine gute Ausbildung anzubieten. Lehrer werden eingestellt, Konferenzen in den Nachmittag verlegt, Studientag und –fahrten gekürzt. Doch auch das sind nur Tropfen auf einen schon sehr heißen Stein. Weil Eltern für ihre Kinder die bestmöglichen Ausbildungs- und Berufschancen wünschen, wird der Zug zu den Gymnasien immer größer. Von Rückgang der Geburtenzahlen ist in den Gymnasien nichts zu spüren. Die Klassen werden deshalb gerade dort stetig größer und deutlich mehr Klassen pro Jahrgangsstufe erfordern mehr Personal. Dazu kommt die Unruhe in den Klassen, die veränderte Aufmerksamkeit. Mehr Förderung ist notwendig und gewünscht. All das erhöht den Druck auf die Lehrer, die dazu angehalten sind, den Mangel zu verwalten. An der Front. Die Krankenzahlen und –zeiten im Lehrerkollegium nehmen zu. Das führt wiederum zu einem temporären Unterrichtsausfall.
Die im November 2008 veröffentlichte Schulstatistik nannte einen Wert von 98,3 Prozent Unterrichtsversorgung. Diese 98,3 Prozent sind gegeben, wenn nichts schiefläuft, alle Lehrer an Bord und die Grippewelle noch weit weg. Was in der Realität eher der seltene Fall ist. Gefordert von den Eltern sind jedoch 108 Prozent, damit durch temporären Ausfall 100 Prozent gesichert sind. Lehrer sind verpflichtet, einen vorgegebenen Stundensatz monatlich unentgeltlich für Vertretungsstunden zu leisten. Die Zahl der kostenpflichtigen Vertretungsstunden wird im Vertretungsplan möglichst gering gehalten. Die Statistik wird so um einige dunkle Zahlen entlastet. Dabei helfen auch junge Vertretungskräfte, die in der Mittelstufe des Gymnasiums Mathematik erteilen, obwohl sie im gleichen Jahr selbst erst ihr Abitur bestanden haben. Von bestandenem zweitem Staatsexamen keine Spur, vom ersten auch nicht. Auch dies zählt nicht in der Statistik als Stundenausfall. Die jungen Kräfte sind motiviert und fachlich gewiss fit. Und doch hat ein solcher Unterricht nichts mit der Forderung der 100-prozentigen Unterrichtsversorgung der Eltern zu tun.

Die Demonstration der Eltern war gut. Zu wenige Betroffene nahmen teil. Die Schulelternbeiräte werden weiterhin fordern und auf die Straße gehen.