Baustelle Kinderbetreuung

Die aktuellen Zahlen und Fakten geben keinen Grund zur Freude. Die Kinderbetreuung in Deutschland weist auch nach zahlreichen Reformen immer noch große Probleme auf. Die Zahl der Plätze in den Einrichtungen reichen ebenso wenig aus wie die Öffnungszeiten der Kindertagesstätten. Familienfreundlichkeit und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind in der heutigen Zeit wichtige Themen. Flexibilität wird für Beschäftigte und Unternehmen immer stärker zur Selbstverständlichkeit. Dass diese bei der Kinderbetreuung in den meisten Fällen fehlt, ist dagegen ein wesentlicher Hemmschuh.

Die Bemühungen von Betrieben und Mitarbeitern, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch flexiblere Arbeitszeiten zu erleichtern, werden durch die momentanen Öffnungszeiten der Kitas deutlich erschwert. Aber mit einer Verlängerung der Öffnungszeiten ist das Problem nicht behoben, denn diese zieht eine Reihe weitere erforderliche Veränderungen nach sich. Wenn nun die Öffnungszeiten, wie gefordert, verlängert werden, muss auch das Personal aufgestockt werden. Damit die notwendige Personalaufstockung finanziert werden kann, müssen die Länder regeln, dass gewerbliche Träger ebenso Zugang zu öffentlichen Mitteln haben, wie die öffentlichen Anbieter. Ohne diese Schritte werden sich längere Öffnungszeiten kaum realisieren lassen. Auch eine regelmäßige Bedarfsanalyse aller Kommunen muss Pflicht werden. So kann jede Kommune überprüfen, ob und in wie weit die Nachfrage vorhanden ist, Kinder von morgens bis abends oder an Samstagen betreuen zu lassen. Um den Bedürfnissen der Eltern gerecht werden zu können, müssen diese vor Ort selbst angeben, welche Betreuungszeiten und Rahmenbedingungen sie benötigen.

Bedarfsanalysen zu Umfang, Dauer und vor allem der zeitlichen Lage der gewünschten Betreuung müssen zur Vorraussetzung werden. Nur so wird die notwendige Transparenz geschaffen, die ein tatsächlich bedarfsgerechtes Angebot ermöglicht. Dass dieses System funktioniert, zeigen Kitas, die bereits eng mit den Eltern zusammenarbeiten. Sie haben meistens schon verlängerte Öffnungszeiten, orientiert an den Bedürfnissen der Eltern. Vor allem kommunale und kirchliche Träger sowie Wohlfahrtsverbände haben hier Nachholbedarf. Wichtig ist auch, dass bei den Kindertagesstätten das Anschlussdenken vorhanden ist. Kitas müssen bereit sein, auch Schulkinder aufzunehmen, um nach der Einschulung für den Übergang eine Betreuung zu gewährleisten. Bis jetzt nehmen nur 17 Prozent der Kindertagesstätten in Deutschland Schulkinder auf.

Die Debatte um die verlängerten Öffnungszeiten und die Anzahl der Plätze täuscht aber über ein wesentliches Problem hinweg. Denn es kommen unweigerlich weitere Fragen auf. Geht es nicht hauptsächlich darum, dass die Kinder während der Arbeitszeit der Eltern untergebracht sind? Bleibt nicht die Qualität dabei auf der Strecke? Was passiert in den Kitas von morgens bis abends? Der Kita-Check der DIHK liefert auf diese Fragen kaum Antworten. Der Zusammenhang zwischen verlängerten Öffnungszeiten und einer besseren qualitativen Betreuung wurde hier nicht abgefragt. Beim Kita-Check lag der Fokus auf der Flexibilität von Betreuungsmöglichkeiten. „Pädagogische Qualität ist eine andere Baustelle“, so Dr. Josef Zimmermann von der Industrie- und Handelskammer Rhein- Neckar. Eine Umfrage inhaltlicher Natur, um qualitative Probleme aufzudecken und vorzubeugen, sei nicht geplant. Aber vielleicht sollte gerade an dieser Baustelle gearbeitet werden.

Nadine Baumann