Albtraum

Winnenden! Erfurt! Synonyme für einen Albtraum. Unschuldige Menschen starben durch die Hand jugendlicher Amokläufer. Die Frage nach dem Warum wird unbeantwortet bleiben müssen. Wenngleich die Suche nach der Antwort intensiv betrieben wird. Schnell werden Forderungen gestellt, Lösungsangebote gemacht, Aufrufe gestartet, Schuld zugewiesen, Rechtfertigungen formuliert. Und ratlos die Schultern gezuckt, den Kopf geschüttelt. Angst haben Schüler, Lehrer und Eltern. Und Polizisten.

Es gibt keine eindeutige Antwort, keine einfache Lösung, niemand, den man komfortablerweise verantwortlich machen kann. Keine Sicherheit. Keine Garantie.

Die Waffengesetze sind in Deutschland außergewöhnlich scharf. Was allerdings nichts nützt, wenn man sich nicht daran hält. Der Konsum von Computerspielen führt nicht zu Attentaten, es sei denn, die Gedanken und der Wunsch sind bereits vorhanden. Fehlende Jugendpsychologen an Schulen sind nicht Ursache für einen Amoklauf. Das vernachlässigende Elternhaus zwingt niemanden dazu, andere Menschen zu erschießen. Unverhältnismäßige Schülerwitze sind kein Grund zum Morden. Die Ursache für das Ausrasten einzelner liegt tiefer und bei jedem Täter an anderer Stelle. An jeder Baustelle kann, soll und muss gearbeitet werden. Die Einhaltung bestehender Waffengesetze muss stärker kontrolliert werden, Computerspiele sollten nicht wahllos konsumiert werden, Schulpsychologen müssen zur Pflicht erhoben werden, Vernachlässigung durch die Eltern ist grundsätzlich überaus fehl am Platz und ein Fall für Jugendämter und Mobbing an Schulen dürfen Lehrer nicht mit Wegsehen quittieren. Hilferufe der jugendlichen Täter gab es. Sie wurden überhört – auf breiter Front. Warum auch immer. Ein Grund dafür – und es sei betont: lediglich ein Grund dafür – ist die fehlende Personaldecke an weiterführenden Schulen. Klassenstärken mit mehr als 25 Schülern führen zu einer Überforderung der Lehrer. Lehrer können sich nicht auf die Individuen konzentrieren. Weder in Hinblick auf Leistungsförderung, Lehrstoffvermittlung noch auf Persönlichkeitsentwicklung. Sie fokussieren die extrovertierten Schüler, die Unruhigen, die Spaßmacher und Klassenclowns. Wie die Erfahrung zeigt, zählen diese jedoch nicht zu den gefährdeten Personen, bei denen ein explosionsartiges Ausrasten zu befürchten ist. Warum auch? Sie finden ihre Bühne. Übersehen dabei werden die ruhigen, die in sich zurückgezogenen jungen Menschen. Sie machen keine Arbeit, sie stören nicht. Noch nicht.

Nicht einzusehen ist, dass das Problem des Lehrermangels seit Jahren stets und ständig von Elterngremien, Schülervertretungen und auch von Lehrern selbst und Schulleitungen in Rheinland-Pfalz angemahnt wird und weder Landesregierung noch die aufsichtführenden Behörden auch nur annähernd Abhilfe schaffen. Warten sie auf die Erfüllung demographischer Prognosen? Das Problem soll sich alleine lösen – durch weniger Schüler. Wie kann es passieren, dass Hessen und Baden-Württemberg in der Lage sein können, Lehrer aus Rheinland-Pfalz abzuwerben? Die unattraktiven Angebote der Rheinland-Pfälzischen Schulen gilt es, eindeutig zu verbessern. Wie kann es passieren, dass Schülerströme nicht hinterfragt werden, wie in Neustadt an der Weinstraße. Dort meldeten sich 155 Schüler am Käthe-Kollwitz-Gymnasium für die zukünftigen fünften Klassen an, obwohl die Schule nur vier Klassen vertragen kann. Zeitgleich registrierte das Leibniz-Gymnasium, ebenfalls in Neustadt, lediglich 90 Anmeldungen. Es kann 120 Kinder aufnehmen. Käthe-Kollwitz-Leiter Vögeding nahm alle Kinder auf und spricht nun von der Notwendigkeit kreativer Lösungen, die sich bis in die Oberstufe auswirken. Ein schön formulierter Hilfeschrei, von einem, der ohnehin gezwungen ist, den Mangel zu verwalten.

Es ist unglaublich, nicht tragbar, nicht zeitgemäß und unverantwortlich, dass an Schulen Lehrer nicht in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen können. Es kann nicht eine Sache fehlender Finanzen sein. Geld ist – wie uns Merkel & Co in der Krise zeigten – in unvorstellbarer Höhe vorhanden. 

An unserem Bildungssystem ist etwas faul. Winnenden und Erfurt sind Synonyme dafür. 

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