Zeitzeuge Brigitta Kappel - Der Boden als Zeuge

Durch die Wormser Färbergasse gegenüber vom Marktplatz gehen heute die Meisten achtlos bis zum Kaufhaus Jost durch. Birgitta Kappel kann das nicht. Haus und Geschäft ihrer Eltern standen in dieser kleinen Gasse, die früher bis zur Römerstraße reichte – und in der Bombennacht am 21. Februar 1945 dem Feuersturm zum Opfer fiel. Birgitta war damals fünf. Sie rettete ihre Schuhe und ihre Puppe in ihr Erwachsenenleben. Sie wurde Kunstlehrerin, heiratete und bekam Kinder. Jahrzehnte vergingen.

Dann, im Jahre 2003, schlug man ihr vor, ein Bild für eine Ausstellung in der Gedenkstätte Osthofen zu malen. Bei der Begehung fiel ihr Blick auf den zerbeulten, fleckigen Fußboden, der so viel Schmerz gesehen hat. Vor ihrem geistigen Auge erstand das Bild eines gequälten Mannes. Der Kummer, der in diesen Boden eingeflossen war, ließ sie drei Monate nicht mehr los. Sie lag auf dem Fußboden, weinte und malte. Bis sie Leid, Terror und am Ende auch Erlösung auf 17 Stücke Stoff gebannt hatte. Sie fand ihre Kinderschuhe von 1945 auf dem Dachboden. Das Bild ihrer Mutter fiel ihr ein: „In dieser Nacht hatte sie plötzlich weißes Haar. Sie war doch dunkelhaarig. Vom Ruß war ihr Gesicht pechschwarz.“ Beinahe hätten sie sich damals verloren.

Die Bombennacht

Mit fünf Jahren war Birgitta Kappel auf Bombenangriffe vorbereitet. Beim nächtlichen Sirenengeheul griff sie zum Trainingsanzug, fertig für eine Nacht im Schutzraum. In jener Nacht fanden hier etwa 15 Personen Zuflucht. Dann fiel der Volksempfänger aus, der Strom erlosch. Das Rumpeln, Knistern und Knacken über ihnen wurde ohrenbetäubend. Heute weiß sie: So hört sich Feuer an. Der Vater rannte nach oben und sah, dass die oberen Stockwerke bereits durch Funkenflug brannten. Alle Nachbarhäuser standen in Flammen. „Alle raus hier, sonst verbrennen wir“, schrie er. Er setzte Birgitta vor der offenen Küchentür ab. Da lag die Bonbonschüssel. Sie ging drauf los, während über ihr Balken krachten und Töpfe die Treppe herunterkollerten. Die ganze Stadt tobte und brüllte, wie sie es noch nie gehört hatte. Erschrocken rannte sie an der Hand des Vaters durch brennende Straßen. Funken flogen, Feuerschlangen zischten hinter ihnen auf den Straßen entlang.
Der Vater nahm den Nachbarsjungen an die andere Hand, brachte beide Kinder in ein unbeschädigtes Bürogebäude und ging noch mal zum Haus zurück. Die Mutter sollte später auch dorthin kommen. Doch der Junge hielt das Warten nicht aus: „Ich suche meine Mutter“ – und weg war er, Birgitta hinterher.

Sie war wie betäubt. Menschen stolperten an ihr vorbei, versuchten, mit Eimern eine Stadt zu löschen, die noch eine ganze Woche brennen sollte. Die Luft war heiß und voll glühender Trümmer. „Die Augen waren so versengt, dass ich nichts sah. Ich hatte keine Angst, ich stand einfach da“, wundert sie sich. Von der Färbergasse sah sie nichts mehr.

Eine fremde Frau nahm sie mit, wusch ihr die Augen aus und gab ihr Kirschsaft zu trinken. Das Kind legte sich schlafen, während die Frau die ganze Nacht unter den ziellos herumtaumelnden Menschen die Eltern suchte. Endlich, im Morgengrauen, fand sie sie. Mit einem Handwagen zog die Familie dann bis Bechtheim, über sich eine Decke, die immer wieder Feuer fing. Tiefflieger beschossen sie, mehrmals warfen sich die Eltern über das Kind und entgingen den Gewehrsalven nur knapp. Ein Onkel aus dem rheinhessischen Gabsheim hatte von der Wormser Bombennacht gehört und fand in der Färbergasse nur noch Ruinen. Auf einer Mauer hatte der Vater mit Kreide eingeritzt: „Wir sind unterwegs.“

Unterwegs

Unterwegs waren sie noch lange. Bis die Eltern aus dem Schutt geborgen hatten, was sie noch zu fassen bekamen. Bis sie ein neues Geschäft aufgebaut hatten. Bis Birgitta die Schule nachholen und ein Lehramtsstudium beginnen konnte. Eigentlich bis sie den Fußboden in der Gedenkstätte Osthofen sah. Die 17, zum Teil verstörenden Stoffbahnen wurden 2003 in der Magnuskirche ausgestellt. Schüler begannen, die Künstlerin über ihre Erlebnisse auszufragen. Und Birgitta Kappel erzählte.

Heute liebt sie das verbliebene originale Kopfsteinpflaster an der Einmündung der Färbergasse in die Petersstraße. Mehr blieb ja nicht. Undenkbar, dass dieses letzte Stück Boden eines Tages verschwinden sollte. Undenkbar, dass von deutschem Boden wieder Krieg ausgeht. Denn der Boden vergisst nicht.

Dr. Regina Urbach

Magazin