Zeitzeuge Bernd Zahn - Vom Ich zum Du

Bernd Zahn musste sich immer wieder freischwimmen. Bei Kriegsende war er elf Jahre alt und schlug sich allein vom Internat nach Hause durch. Bedingungsloser Gehorsam war ihm im Internat in Fleisch und Blut übergegangen. Und doch erarbeitete er sich freies Denken. Zahn ging immer wieder neue Wege. Er gründete mehrere Textilgeschäfte, unter anderem das Grünstadter Modehaus Zahn. Vom Bekleidungskaufmann mauserte er sich zum Mode-Unternehmer mit einem Gespür für Trends.

Auf der Höhe seines Erfolgs wagte er als einer der ersten eine Beteiligung der Mitarbeiter am Unternehmensgewinn. Er war der geheimnisvolle Spender des Glockenspiels der Grünstadter Martinskirche, um den viel gerätselt wurde. Mittlerweile genießt er einen aktiven Ruhestand – am liebsten auf zwei Rädern.

Eine Tagesetappe von 97 Kilometern und 1.630 Höhenmetern auf Korsika – das macht dem 76-jährigen Radler so leicht keiner nach. Bernd Zahn will damit gerne Andere motivieren, sich mehr zuzutrauen. Auf seinen Fahrradtouren hält er daher mit seinem Alter gerne hinterm Berg. „Schließlich will ich keine Sonderbehandlung“, erklärt er. Und schießt bei der Schlussetappe als zweiter durchs Ziel.

Zahn wuchs in Rosenthal mit einem idealen Naturspielplatz auf: der alten gotischen
Klosterruine, wo die Jungen jeden Tag Räuber spielten. Nach der Mittleren Reife in Grünstadt half Zahn in der Kleiderfabrik seines Vaters mit. 1964, als diese verkauft wurde, kam seine Stunde. Mit einem Startkapital von 16.000 Mark zog er einen eigenen kleinen Mode-Handel auf.
Der Umzug an den heutigen Standort des Modehauses Zahn im Jahre 1976 war „ein Ritt auf der Rasierklinge“, erinnert er sich. Der Kauf der Immobilie kostete viel Geld. Die Fußgängerzone in Grünstadt wurde gerade erst eingerichtet. „Wir haben uns etwa um das Vierfache vergrößert, das war ein großes Risiko.“

Innovative Mitarbeiterbeteiligung

Es ging raketenartig bergauf. Sechs bis acht Jahre lang arbeitete Zahn in 70-Stunden-Wochen, verließ Samstagabend als letzter das Geschäft und machte Sonntagmorgen mit der Planung weiter. Als er es geschafft hatte, begann ihn etwas anderes zu beschäftigen: Arbeiten und Geld verdienen konnte nicht alles sein. Sein Erfolg musste doch auch für andere Menschen einen Sinn haben. Als bekennender Christ führte er ein freiwilliges Mitspracherecht der Mitarbeiter im Betrieb ein. Einmal im Monat wurden die Unternehmenszahlen besprochen und Verbesserungsvorschläge am Flipchart diskutiert. Abteilungsleiter entschieden im Einkauf mit. Verkaufsmitarbeiter wurden geschult und dachten mit. Der zusätzlich erwirtschaftete Ertrag kam ihnen anteilig zugute. Unterdessen trieb es den Unternehmer weiter. Er verkaufte das Modehaus, das seinen Namen trägt, und stellte mit einer Partnerin die Damen-Jeansmoden-Kette Young People auf die Beine.

1998 trat er in den Ruhestand. Doch zur Ruhe setzt er sich noch lange nicht. Zu vielen ehemaligen Mitarbeitern hält er heute noch Kontakt. Sein ganzes Leben lang war er sehr sportlich. Mit 50 Jahren lief er Marathon und stieg später aufs Rad um. Jahre lang segelte er auf dem heimischen Silbersee. 1968 wurde er sogar deutscher Meister der Taifunklasse – ein Grünstadter deutscher Segelmeister!

Heute ist er den Grünstadtern dankbar für ihr Vertrauen als Kunden. „Ihr gabt mir Vertrauen. Gott schenkte Segen. Mein Dank klingt“ steht auf dem Glockenspiel, das er der Martinskirche spendete. Erst Jahre später gab er sich als Spender zu erkennen. „Ich wollte keine wirtschaftlichen Vorteile davon“, sagt er. „Der Mensch muss seine Bestimmung finden und sie konsequent umsetzen, auch wenn es unbequem wird“, so Zahns Überzeugung. Nur so verschaffe er sich geistige Freiheit. Nur so finde er vom Ich zum Du.

Dr. Regina Urbach

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