Wollen wir heiraten?

Nichts ahnend hatte ich, 41 Jahre alt, unabhängig, selbstständig und ledig (noch!) in einem kleinen romantischen Hafenrestaurant auf der griechischen Insel Paros gesessen. Mit ihm, 50 Jahre alt, ebenfalls unabhängig und im Entwicklungshilfesektor mit Schwerpunkt Asien, geschieden und zwei schon recht große Kinder aus erster Ehe. Endlich Urlaub.

Wir hatten uns darauf gefreut und nun waren wir hier. Fünf-einhalb Jahre waren wir zusammen. Schöne und glückliche Jahre, wenn auch nicht immer einfach. Wie das eben so ist, wenn man nach langer Beziehung, dann Trennung und unterschiedlichen Altlasten in die zweite Runde geht. Kein Einzelfall heute und doch immer wieder eine kleine Herausforderung. „Wollen wir heiraten?“ Die Frage kam völlig unerwartet – für mich zumindest. Heiraten hatte irgendwie in meinem bisherigen Leben keine wirklich entscheidende Rolle gespielt. Eine glückliche Beziehung, das war für mich wichtig. Und so war ich nach meinen Zwanzigern, in denen ich Heiraten absolut uncool fand, und nach meinen Dreißigern, in denen ich mich nach über 14 Jahren ohne Trauschein trennte, noch mehr reiste als je zuvor, mich selbstständig machte und neu verliebte in einen geschiedenen Mann, zu der Überzeugung gelangt, dass es sich in diesem Leben einfach nicht mehr ergeben würde. Das fand ich völlig in Ordnung, schließlich leben wir im 21. Jahrhundert. Und so stammelte ich ungläubig, nachdem ich wieder fähig war meine Kiefer zu bewegen: „Meinst du das ernst?“ Tolle Antwort, aber mehr kriegte ich nicht heraus. Gleichzeitig spürte ich aber, dass sich in mir Wärme und Glück ausbreiteten.

Nicht, dass sich nach dem Antrag unser Alltag geändert hätte, aber es fühlte sich spürbar anders an. Wir würden heiraten. Wieder und wieder ließ ich mir dieses Wort auf der Zunge zergehen und fühlte in mich hinein. H-E-I-R-A-T-E-N?! War ich auch auf Paros überrascht gewesen, ich hatte nicht daran gezweifelt, dass er der Richtige war. Eine neue, bisher nicht da gewesene Verbindlichkeit trat in unser Leben. Verbindlichkeit. Wir wollten diese Verbindung und das war schön. Mir war nicht klar gewesen, welche Dimension das kleine Wörtchen Ja haben kann. In den Monaten bis zur Hochzeit (länger als vier wollten wir nicht warten) fragte ich mich immer mal wieder „Werden wir wirklich heiraten? Ist das der Mann, mit dem du alt werden willst?“ und häufig guckte ich ihn dabei verstohlen von der Seite an. Vorher hatte ich mir diese Frage gar nicht so bewusst gestellt. Aber jetzt war der richtige Zeitpunkt. Es fühlte sich alles gut und rund an. Als der große Tag nahte, wurde ich dann doch nervös. Aber wann war das letzte Mal eine Braut nicht aufgeregt? Das ein oder andere musste geplant und organisiert werden. Ich brauchte ein Kleid, eine Frisur und natürlich Schuhe. Tradition hin, Tradition her. Obwohl wir kein allzu klassisches Fest haben wollten mit all dem, was wir einvernehmlich den üblichen Zinnober nannten, war ich am Ende doch mit etwas Altem, etwas Neuem, etwas Geliehenem und etwas Blauem ausgestattet. Immerhin, denn bei den Themen gemeinsamer Name, Eheringe, rauschendes Fest mit wallendem Sahne-Baiser-Brautkleid und lange Tafel mit Sitzkärtchen hatten wir bereits die Erwartungen unserer Familien torpediert. Das wollten wir nämlich alles nicht.

Nach dem Standesamt verbrachten wir den Rest des Tages mit unserer Familie und unseren Freunde bei uns zu Hause. Wir haben gegessen, getrunken, gelacht und gefeiert. Wir wollten sie alle um uns haben. Es ist ein wunderbarer Tag für uns und unsere Gäste geworden. Genau so, wie wir es uns vorgestellt hatten.
Ich wünsche uns viele gute Zeiten und dass wir uns in den schlechten an die guten erinnern.

Jaleh Nayyeri

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