Was Tiere wohl so denken

Ob es uns Menschen in zwei Millionen Jahren noch gibt, weiß niemand. Das Leben aber wird auf jeden Fall weitergehen – Schnecke, Hai und Tintenfisch freuen sich schon darauf.

Unbedingt modern kommt die Schnecke ja nicht gerade daher. Schon die Entscheidung, den Kopf aus dem Gehäuse zu strecken oder nicht, nötigt ihr oft zwei Tage ab – wobei sie die Erledigung der Angelegenheit dann auch noch häufig auf einen späteren Zeitpunkt verschiebt. So gesehen ist die Schnecke für die Globalisierung wenig geeignet, wird sie aber vermutlich überleben.

Gleiches gilt für den Tintenfisch. Auch ihm ist kaum nachzusagen, dass er sich auf die neue Welt besonders eingestellt hätte, was er aber augenscheinlich gar nicht nötig hat. Naturforscher sagen ihm eine glänzende Zukunft voraus, denn er gilt als besonders intelligent. Schon gibt es Gedankenspiele, in denen der Tintenfisch, vielleicht in nur zwei Millionen Jahren, zum Landtier wird und kraft seines Wissens die Welt beherrscht. Vom Menschen indessen sprechen diese Visionen nicht.

Das ist kein angenehmer Gedanke. Trotzdem müssen wir uns daran gewöhnen, dass Schnecke und Tintenfisch irgendwann in der Zukunft beieinander sitzen und Witze über uns reißen. Das können sie gefahrlos tun, denn es gibt uns nicht mehr. Und die besten Zoten kommen vom Hai, der sich einfach darüber freut, dass seine früheren Verfolger neuerdings zu Erdöl werden.

Diesen späten Triumph müssen wir den Tieren leider gönnen. Ganz verziehen haben sie es dem Affen nämlich nie, dass er irgendwann entschied, sich zum Menschen aufzuspielen. Seitdem begutachten Floh, Eule und alle anderen die weitere Entwicklung ihres ehemaligen Genossen durchaus kritisch. Wir sollten nicht glauben, dass sie nicht wüssten, wer wir eigentlich sind und woher wir kommen.

Sie beobachten uns. Meeresforscher haben herausgefunden, dass die Stimmen der Wale immer leiser werden. Es ist nicht schwer zu erraten, warum: Sie reden über uns und wollen dabei ungestört sein. Gerade Wale haben sich über den Menschen ihr Urteil längst gebildet, und man kann sich denken, wie es ausfällt. In den Mägen der Pottwale werden übrigens immer seltener Tintenfischarme gefunden, was auch nicht verwundert kann. Wer in gemeinsamen Koalitionsverhandlungen über die künftige Weltregierung steht, frisst sich nicht gegenseitig auf.

Die Letzten werden die Ersten sein. Die Jahrtausende lang domestizierte, verfolgte und gepeinigte Tierwelt ist auf dem Sprung nach vorne. Sie trägt das Leben weiter, durch Wüsten, Ödnis und Eis. Schnecken wissen das und lassen sich für ihre Gedankenschwere darum nicht auslachen. Gänzlich aussichtslos ist die Lage jedoch nicht: Wir müssen wohl zum Tier werden, wenn wir überleben wollen. Manchen Zeitgenossen soll es schon gelungen sein.

(Robert Reuter)