Viel heiße Luft

Jede Zeit bringt ihre ganz bestimmten Typen hervor. Abhängig von Politik, internationaler Sicherheitslage, wirtschaftlicher Situation oder auch von gesellschaftsbestimmenden Erfindungen werden diese Zeitgeister geprägt. Sie sind Botschafter jener Strömung, die nachhaltig den Blick auf die Epochen prägen. So können wir uns alle – zumindest diejenigen, die bereits auf eine gewisse Lebenszeit zurückschauen können – an die goldenen 80er Jahre erinnern, in denen alles möglich erschien. Die einen kämpften für eine friedliche Welt, die anderen brachten ihre Schäfchen ins Trockene. Aus dem Lebensgefühl der 80er resultierte der Boom an der Börse Ende der 90er Jahre. Mit einem unüberhörbaren Bumm endete der Boom. Die Blase platzte. Viele Dotcom-Gesellschaften entpuppten sich als aufgeplusterte Fantasien, die zwar wertig aber eben nicht übergewichtig waren.

Die Gedanken wurden vorsichtiger, die Versprechungen weniger opulent, die negativen Schlagzeilen der Wirtschaft nahmen zu. Die Depression nahte. Und doch schafften es zahlreiche Banken, dass von Gier getriebene Menschen mit Geld spekulierten, das sie nicht hatten – welches im Grunde genommen gar nicht existierte. Spekulanten und unwissende Normalos wurden in die virtuelle Welt mit blumigen Versprechungen gelockt – und verliefen sich darin. Das Ergebnis kennen wir alle. Tatsächlich hat die deutsche Wirtschaft nach der weltweiten Finanzkrise den Schwung nach oben geschafft. Die Arbeitslosenzahlen sinken, der Wirtschaftsmotor läuft auf vollen Touren, die Menschen sind wieder bereit, Geld auszugeben.
Dieses gesunde deutsche Klima ist besonders geeignet für die Aufzucht und Vermehrung einer Gattung, die nie ausstirbt: Das ist die Spezies der Schwätzer. Zurzeit sind sie präsent wie zuletzt Ende der 80er Jahre. Sie können alles, kennen jeden, haben alles schon erlebt, so vieles bereits gemacht – und das natürlich viel besser als der teuer bezahlte Wettbewerb. Sie preisen sich an, als seien sie frischer Fisch und ihr eigener Marktschreier gleichzeitig. Hört man ihnen zu, schwimmt man schnell in einem Meer von Blubberblasen.

Da jene Ströme der Fantasien und Depressionen so schnell aufeinander folgten, besteht die begründete Hoffnung, dass die Menschheit ein wenig schlauer geworden ist. Es scheint so, als habe man zumindest für den Moment dazu gelernt. In der Politik zählen keine Parolen mehr. Nachhaltigkeit wird gefordert. Die Deutschen setzen sich mit vielen Gedanken an die europäische Spitze und beschreiten andere Wege als ihre Nachbarn – und fühlen sich damit noch nicht einmal schlecht. Schwätzer werden aus dem Weg geräumt.

Und doch gehen sie in dem Verdrängungsprozess nicht verloren. An der Basis herrscht immer noch Misstrauen trotz aller guten Zeichen der Zeit. Und genau dort blühen diejenigen scheinbar auf, die eigene Kompetenz vorgaukeln. Sie sind Dienstleister, Verkäufer, Berater und Kunstbeflissene. An der Basis versprechen sie eine bessere Welt. Sie machen auf sich aufmerksam. Als wirtschaftliche Heilsbringer. Als Allesregler und Universalgenies. Glaubt man ihnen, dann entwickeln sie sich weiter und greifen nach der Macht.

Dabei wird es einem nicht warm ums Herz. Bei so viel heißer Luft.