Urlaub zu Hause

Wie wunderbar ist ein Urlaub zu Hause. Die Betten sind gut, das Essen ist magen- und darmverträglich und die Möglichkeiten der Unterhaltung erscheinen schier grenzenlos. So viele Ziele der näheren und weiteren Umgebung lohnen den Besuch, außerdem endlich mal ausschlafen, lange frühstücken und die Zeitung von vorne bis hinten gemütlich lesen. Es gäbe auch noch einiges, was endlich in Angriff genommen werden könnte. Denn jetzt ist ja Zeit. Und so werden in Haus und Garten diverse Baustellen errichtet, Reparaturen, zu deren Erledigung man nie die Zeit findet, werden angepackt und mit der nötigen Gelassenheit und stoischen Ruhe ein für allemal abgearbeitet. Der Kühlschrank gesäubert und bei der Gelegenheit die Kühltruhe gleich mal abgetaut. Macht sich ja quasi ganz von alleine. Die Vorhänge sollten mal gewaschen werden – kommt man ja sonst nicht dazu. Und der Sperrmülltermin am Dienstag ist eine gute Gelegenheit, einmal auszumisten. „Siehst Du, wie viel Platz wir jetzt auf dem Speicher haben!“
Ein richtiges Gartenfest, bei dem im Sommer mal alle zusammen kommen, gehöre doch auch dazu, meint der Gatte, und schließlich ist ein Grillfest auch Männersache und macht der lieben Frau ja keine Arbeit.

Alle Freunde werden benachrichtigt, die spontan zusagen. Die Nachbarn werden informiert und nach dem Tipp aus dem Benimm-Ratgeber gleich mit eingeladen. Das bedeutet aber, dass gleich zwei Weinfestgarnituren mehr aufgestellt werden müssen. Die Gläser reichen nicht und eine einheitliche Tischdekoration soll es dann doch auch sein. So ein Mist, der Karton mit den Lampions war bei den Sachen vom Speicher. Die sind jetzt in irgendeinem weißen Kastenwagen auf der Autobahn Richtung Südosteuropa. Macht nichts, Kerzen tun´s auch. Jetzt fängt der Göttergatte auch noch an, den Garten umzugraben, dabei sollen die Gäste doch schon morgen Abend kommen. Wie sieht das denn aus? Neue Pflanzen müssen her, um das Stück umgegrabenen Rasen zu kaschieren. Getränke soll er gleich mitbringen und kalt stellen. Außerdem soll er das Grillfleisch für morgen beim Metzger bestellen. „Hast Du mir schon einen Einkaufszettel geschrieben? Nein? Woher soll ich dann wissen, was ich dem Metzger sagen soll?“ Mit einem großen Seufzer holt die Haushalts-Topmanagerin Block und Stift. „Wen hast Du alles eingeladen? Meiers auch?“ „Na, wenn Du Schmitts einlädst, muss ich die Meiers auch einladen.“ „Und was ist mit Heinrich? Du weißt doch, wenn Karla kommt, dann will Heinrich immer neben ihr sitzen, aber dann ist Magda beleidigt.“ Und wenn mal einmal dabei ist, wird neben einer Gästeliste gleich auch eine Tischordnung entworfen, was bedeutet, dass kleine Tischkärtchen notwendig werden. Die wollen auch noch geschrieben werden.

Die Salatsoßen warten noch auf ihre Vollendung, der Blechkuchen wird auf den Weg gebracht. Am nächsten Morgen kommt das Brot, das Fleisch, die Grillkohle. Der Salat wird gerichtet, die Wohnung auf Vordermann gebracht, der Garten dekoriert, die geliehenen Weinfestgarnituren noch eben schnell mit dem Dampfstrahler gereinigt. Mist! Der Dreck hängt jetzt an der Garagenwand, die gleich noch mit abgespritzt. Leider fällt an der einen Ecke nun der Putz ab. Aber da kennt man ja den Heimwerker schlecht, der sofort in den Keller rennt und das notwendige Werkzeug und sämtliche adäquaten Utensilien herbeischafft. Leider hat er vergessen, die neue Hose auszuziehen. Sie hat jetzt Flecken. Und zwar für immer. Langsam wird die Zeit knapp und die Frisur sitzt, als sei man rückwärts durch die Hecke gekrochen. Der Körpergeruch ist wenig blumig-pudrig, sondern leicht säuerlich-erdig. Das schöne Sommerkleid aus dem letzten Jahr ist bedauerlicherweise nicht mehr der eigenen Passform angemessen. Es klingelt. Die ersten Gäste sind da und die Kohle ist noch nicht mal in der Grillschale. Zwei Stunden später ähnelt das Büffet einem Heuschreckeninvasionsopfer. Tatsächlich ist Magda beleidigt, die Tischkärtchen wurden nämlich in der Hektik vergessen, die Nachbarn haben einen Streit vom Zaun gebrochen, um 22.13 Uhr beendet ein Wolkenbruch das Fest. Die Spuren sind am nächsten Tag noch deutlich sichtbar. Selbst hat man nämlich schon um 21.42 Uhr auf dem Küchenstuhl in der Ecke ein kleines Schläfchen vor Erschöpfung genommen. Es bleibt immerhin noch ein Tag, um alles aufzuräumen. Dann geht die Arbeitswoche wieder los. Der Urlaub zu Hause ist vorbei. Gottlob.

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