Tauben fliegen auf

Ildiko lebt mit ihrer Schwester Nomi und den Eltern am Züricher See. Dort betreiben sie ein Café in bester Lage. Obwohl die Familie seit vielen Jahren in der Schweiz lebt und auch die Schweizer Staatsbürgerschaft besitzt, leben sie zwischen den Welten und Kulturen. Hin- und hergerissen zwischen der Sehnsucht nach der verlorenen Heimat in Vojvodina, dem ungarischen Teil Serbiens, und dem Wunsch, Teil der Schweizer Gesellschaft zu sein, entsteht ein Dasein im Nirgendwo. Sie sind Fremde hier wie dort. „Als wir nun endlich mit unserem amerikanischen Wagen einfahren, einem tiefbraunen Chevrolet, schokoladenfarben, könnte man sagen, brennt die Sonne unbarmherzig auf die Kleinstadt, hat die Sonne die Schatten der Häuser und Bäume beinahe restlos aufgefressen, zur Mittagszeit also fahren wir ein, recken unsere Hälse, um zu sehen, ob alles noch da ist, ob alles noch so ist wie im letzten Sommer.“ In Ildiko und Nomi steckt zu viel vom bäuerlichen Landleben in der geliebten Heimat der Eltern in den Knochen, zu viel Politik in der Familiengeschichte, als dass sie sich nahtlos in die vage rebellierende Alternativkultur der Schweizer Jugend einpassen könnten. Und in die Heimat können sie nach Ausbruch des Krieges nicht mehr. Der Krieg findet nicht nur in Serbien statt. Seine Ausläufer spüren die Emigranten in der Sorge um die Angehörigen. Die Absurdität des Konflikts zeigt sich in der Zerrissenheit der emigrierten Volksgruppen, die in der Schweiz zusammenleben und arbeiten. Und auch die Schweizer werden zu Experten des Serbienkrieges. Ildiko fällt es immer schwerer, im Café gegenüber den Gästen ihr Servicegesicht aufrechtzuerhalten, das nette Servierfräulein zu sein, das mit einem Lächeln den Kaffee bringt. Ihre Eltern haben gearbeitet, damit sie es einmal besser hat, aber ein Ziel für ihr Leben, eine Richtung muss sie sich dennoch selbst suchen. Der Konflikt Ildikos scheint kompliziert, aber Melinda Nadj Abonji, die Schweizer Autorin mit serbischem Hintergrund,  macht es einem leicht, sich in die Erzählerin einzufühlen. So klangvoll und malerisch ihre Sprache das alte Jugoslawien und die moderne Schweiz umschreibt, so zwingend und direkt arbeitet sie die Motivationen und Gefühlslagen Ildikos, Nomis und ihrer Angehörigen heraus. Der Sprachstil lässt auf einprägsame Art Anteil an den genauen Beobachtungen und Gedanken Ildikos zu. Mit Sprüngen und Assoziationen, die mit Tatsachenschilderungen in Reihung kombiniert werden, entsteht eine Vernetzung von subjektiver und objektiver Wahrnehmung, die dem Leser Einblick in die Seele der Erzählerin gewährt.  
Tauben fliegen auf
Melinda Nadj Abonji
dtv
ISBN 978-3-423-14078-2

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