Schöner Zeitgeist

Die Definition von Schönheit

Was schön ist, bestimmt der Zeitgeist. So könnte die vereinfachte Formel zur Definition des Schönheitsideals lauten. Das Bild äußerlicher Attraktivität hat sich in den vergangenen Jahrhunderten mehrfach und durchaus auch grundlegend gewandelt. Auch innerhalb unterschiedlicher Kulturkreise ist schön nicht gleich schön.

Heute kann und wird der Natur durch Schönheitsoperationen und allerlei Eingriffe wie Faltenunterspritzung auf die Sprünge geholfen. Dass dies nicht immer zu vollendeten Schönheitsergebnissen in letzter, exzessiver Konsequenz führt, steht außerhalb jeder Diskussion. Letztlich jedoch hat die gesund-moderate Nachhilfe bei der Perfektion des eigenen Erscheinungsbildes ein künstliches Schönheitsideal hervorgebracht, das sinnbildlich für Geld und Zeit, also Luxus, steht. Im übertragenen Sinne ist die nie endende, faltenlose Jugendlichkeit als Wunsch nach der unendlichen Zeit zu sehen. In der Natur signalisiert Attraktivität die besten Überlebenschancen. Der Ausdruck von Wohlstand und Gesundheit in der Schönheitsdefinition findet sich jedoch in jeder Epoche und jeglicher Kultur.

Rundungen - oft ein Zeichen für Wohlstand und Attraktivität

Ob mäßige Fettpölsterchen schick oder eher störend wirkten, kommt auf die jeweilige gesellschaftliche Lage an. In den wirtschaftlich fetten Jahren sind schlanke Silhouetten schön, in den mageren Jahren, wie auch nach dem Krieg in den 1950er und 1960er Jahren, galten üppige Rundungen als Zeichen für Wohlstand. Marilyn Monroe trug Kleidergröße 42. Ihre Attraktivität steht außer Frage. Auch Sophia Loren und Gina Lollobrigida wären heute nicht auf dem Laufsteg und gelten dennoch als sehr schöne Frauen. 

Blass sein um jeden Preis

Im Mittelalter prägte der christliche Glaube das Weltbild. Ansehnliche Frauen waren schmucklos und unauffällig. Mäßiger Genuss war – neben der unausweichlichen Mangelversorgung breiter gesellschaftlicher Schichten – das Ziel und damit auch der schlanke, asketische Körper. In der Renaissance wurden sämtliche Normen und Werte in Frage gestellt. Unverhüllte Körper durften dargestellt werden, die durchaus Rundungen an Taille, Hüfte und Po zeigten. Die vornehme Blässe war nur deswegen so vornehm, weil lediglich die Bauern auf dem Feld arbeiten mussten und so der Sonne ausgesetzt waren. Wen die Natur nicht mit Hellhäutigkeit ausgestattet hatte, der half mit einer Paste aus Bleiweiß und Quecksilberverbindungen nach. Zwar war damals schon die Giftigkeit der Schwermetallpomade bekannt, doch insbesondere der Adel schlug diese Warnungen in den Wind. Heutige Parallelen sind unübersehbar.

Schönheitsideale im Barock und Klassizismus

Der Barock ist für seine korpulenten Silhouetten berühmt. Tatsächlich jedoch mussten die Damen und Herren im Barock im bekleideten Zustand jede Form des Mehrgewichts kaschieren. Das war die Geburtsstunde des Korsetts. Auch die üppige, lockige Mähne bei Mann und Frau im Barock war außerhalb des Schlafgemachs verpönt. Kunstvolle Hochsteckfrisuren mit Schleifen und Zierrat gehörten zur offiziellen Kleiderordnung. Dies brachte die Perücke als praktisches Accessoire hervor. Auch das Parfüm zur Übertünchung des Eigengeruchs gehört in diese zweifelhafte Epoche der Schönheitsideale, die geprägt war von eigentümlichen und fassadenorientierten Dekorationen. 
Der Barock schrie geradezu in der Abkehr nach einem Extrem. Im nun folgenden Klassizismus war Natürlichkeit wieder gefragt. Ab dem 20. Jahrhundert vollzieht sich der Wandel in der schönen Welt immer schneller. Das Korsett wird endlich verbannt. Folglich mussten die lästigen Pfunde heruntergehungert werden. Volle sinnlich-rote Lippen waren schön, ebenso wie natürlich fallende Lockenpracht.

Zwei Dekaden, die unterschiedlicher nicht sein könnten

Die 80er Jahre waren die Dekade der dekorativen Kosmetik, bunten Farben, Schulterpolster, schmaler Taille und Oberweite waren angesagt. Seit den 90er Jahren schlagen wir uns mit dem Magersucht-Syndrom herum. Kate Moss gilt als schön. Zwar nicht als gesund und zufrieden, doch als ästhetische Schönheit. Schön ist heute der magere Körper. Wie man zu den entfernten Rippenbögen zur Verschlankung der Körperkontur von Popikone Cher steht, ist Geschmackssache. Die Theorie besagt, dass die dünnen Menschen ihrer Disziplin und ihres gesunden Körperbewusstseins Ausdruck verleihen. Ebenfalls kostet es Zeit und Geld, heute eine gesunde, ausgewogene Mahlzeit zuzubereiten und einzunehmen. Zeit und Geld hat nicht jeder zur Verfügung. Schön ist, was die Masse nicht is(s)t.

Marketing gegen Size Zero

Neben vielen Forderungen nach dem Verzicht auf ausgehungerte Models zur Propagierung eines ungesunden Schönheitsideals – die übrigens nicht mehr Größe 34 sondern Zero Size tragen – hat nun die Frauenzeitschrift Brigitte den Vorstoß gewagt, sich öffentlich gegen den Trend zu wenden. Über 20.000 Bewerbungen von potenziellen Neu-Models gingen bei der Frauenzeitschrift ein. Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff drehte für die Frauenzeitschrift Brigitte einen Werbespot. Darin treten ganz normale Frauen und nicht superschlanke Models auf. Ob Marketinggag oder tatsächliche Überzeugung die Beweggründe waren, ist letztlich unwichtig. Die Redaktion von Chili – Das Magazin steht hinter der Forderung nach einem natürlicheren und den Menschen unterstützenderen Zeitgeist. Dem Ausdruck der eigenen Persönlichkeit muss mehr Raum gegeben werden. Mode ist vorübergehend, Mode ist ein schönes Werkzeug, eine Spielerei, ein Hilfsmittel, um das eigene Ich zu unterstreichen. Mode sollte kein Korsett sein, denn das ist schon lange auf dem Müll.

In der Pfalz haben sich zwei Damen nun zu einer Bewerbung als Normalmodels bei Brigitte entschlossen. Chili hat sie begleitet.

Die natürlichen Models sind Irene Rottmayer und Sandra Kunzmann-Schulz. Sie wurden fotografiert von Erik Paul, Pauls Atelier in Westheim,  und ausgestattet von Mein Lieblingsstück, Ursula Wagner, in Neustadt.

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