Schiedsrichter im Fußball

Schiedsrichter im Fußball – Wenn der Fairnessgedanke auf die Wirklichkeit trifft    Blinder, Gurke, Pfeife und Hoyzer sind nur eine kleine Auswahl selten schmeichelhafter  Schlagworte, die der Verantwortliche der Spielleitung, der unparteiische Schiedsrichter, während der Ausübung seines Ehrenamtes verdauen muss. 
Wer glaubt, Schiedsrichter würden nur in den großen Stadien der Republik, den Spielstätten der ersten und zweiten Bundesliga, verhöhnt, der irrt. Gerade in den untersten Ligen scheint eine Hemmschwelle für Beleidigungen und Drohungen gegen Schiedsrichter kaum zu existieren. In diesen unschönen Zustand hinein folgt der Aufruf nach mehr Fairness im Sport. Sportlicher Wettkampf ist neben dem gegenseitigen Messen der Leistungsfähigkeit immer das Zusammenspiel und die Kollision einfachster menschlicher Emotionen. „Fußball muss man leben, um erfolgreich zu sein“, möchte man einen Trainer der alten Schule vor sich hin grummeln hören. Fakt ist jedenfalls, dass Schiedsrichter, ebenfalls menschliche Wesen, möglichst emotionsfrei und auf Grundlage eines ausgefeilten Regelwerkes den sportlichen Wettkampf begleiten. Oder sollten. Die Auslegung des Regelkataloges, ist hierbei die hohe Kunst des Schiedsrichterwesens. Entscheidungen über die Bewertung verschiedener Spielsituationen werden binnen Sekunden getroffen und erfordern, neben dem Beherrschen der Spielregeln, eine ausgeprägte Auffassungsgabe und eine gehörige Portion Selbstbewusstsein. Während des Spiels sollte der Schiedsrichter immer in Bewegung sein, denn nur auf Augenhöhe des Spielgeschehens lassen sich Spielszenen bewerten und Fehler minimieren. Immobile, statische, den Mittelkreis des Spielfeldes zu keiner Zeit verlassende, Vertreter der Schiedsrichterzunft geben oft bereits zu Beginn eines Spiels, mangels direkter Sicht und weiter Entfernung zum Spielgeschehen, berechtigten Anlass, die Güte der schiedsrichterlichen Entscheidungen zu hinterfragen. Entscheidungen, die früh im Spiel getroffen werden, können den weiteren Spielverlauf maßgeblich beeinflussen. Gerade in diesem Zeitraum offenbart sich die Qualität eines Spielleiters, kann er doch durch sein Präsenz und sein konsequentes Unterbinden von Regelverstößen, eine hitzige Anfangsphase beruhigen und verhindern helfen, dass eine Partie in eine nicht wünschenswerte Richtung kippt.  
Schiedsrichter kann in Deutschland jeder werden, der mindestens zwölf Jahre alt und Mitglied eines dem Deutschen Fußball Bund (DFB) angeschlossenen Vereines ist. In regelmäßig angebotenen Lehrgängen wird der aktuelle Regelkatalog gelehrt. Die angehenden Schiedsrichter müssen einen Nachweis über die körperliche Fitness (läuferischer und konditioneller Bereich) erbringen. Jährlich muss ein Schiedsrichter mindestens 20 Spielleitungen übernehmen und an Weiterbildungen über einen Zeitraum von acht bis zwölf Tagen im Jahr teilnehmen. In der Anfangsphase werden Schiedsrichter durch Paten, das sind erfahrene Schiedsrichterkollegen, betreut. Grundsätzlich beginnt der Schiedsrichter mit der Spielleitung in den Basisklassen. Schiedsrichter-Beobachter verfolgen regelmäßig die Fortschritte der Nachwuchsschiedsrichter und bewerten die Eignung für höhere Spielklassen.  Was einen antreibt, der höfliche Deeskalationsbeautragte zwischen 22 hitzigen Gemütern zu sein,  das haben wir Jochen Julino, 24 Jahre alt, seit 2010 als Schiedsrichter für den TSV 1899 Königsbach aktiv,  gefragt. 
Chili: Herr Julino, wie sind Sie Schiedsrichter geworden und was hat Sie dazu bewogen?
Jochen Julino: Wie die meisten Schiedsrichter, habe auch ich erst selbst aktiv Fußball gespielt. Aus beruflichen Gründen war es allerdings mit der Zeit nicht mehr möglich, regelmäßig an Trainingseinheiten sowie an den jeweiligen Spieltagen dabei zu sein. Da ich jedoch ein großer Fußballfan bin, wollte ich dem Sport unbedingt irgendwie verbunden bleiben. Auch der Aspekt, sportlich weiterhin am Ball zu bleiben, spielte eine Rolle. Als nun kurz zuvor auch noch mein Cousin mit der Pfeiferei anfing, entschloss ich mich, ebenfalls den Lehrgang an der Sportschule in Edenkoben zu absolvieren.
Chili: Wie würden Sie die Rolle des Schiedsrichters auf dem Fußballplatz in eigenen Worten beschreiben?
Jochen Julino: An erster Stelle steht er natürlich für die Einhaltung der Regeln auf dem Platz. Ohne ihn würde ein Spiel höchstwahrscheinlich nicht funktionieren. Dies gilt nicht nur im Fußball. Er muss viele Entscheidungen innerhalb von Sekundenbruchteilen fällen und diese dann natürlich auch noch möglichst richtig. Es heißt oft: Je unauffälliger, desto besser war die Leistung des Schiedsrichters. Meiner Meinung nach, trifft dies nicht immer zu. Es kommt auch sehr auf das Spiel an. Wird ein Spiel besonders unfair geführt, sind auch harte Sanktionen seitens des Schiedsrichters notwendig. Dadurch steht er natürlich mehr im Mittelpunkt, als ihm vielleicht lieb ist. Solange seine Entscheidungen korrekt sind, ist dies aber kein Problem.
Chili: In der Einleitung haben wir angemerkt, dass Fußball in weiten Teilen ein emotional aufgeladener Sport ist. Wie gehen Sie mit den hitzigen Situationen des Fußballalltags um?
Jochen Julino: In erster Linie ist wichtig, dass man selbst dabei die Ruhe bewahrt und sich keinesfalls von der Hektik anstecken lassen darf. Ich persönlich versuche von Anfang an, solche Situationen frühzeitig zu unterbinden und mit klaren Ansagen die Beteiligten auf ihr Fehlverhalten hinzuweisen. Schon in den ersten paar Minuten spürt man als Schiedsrichter in etwa, wie die Partie ablaufen könnte. Auch ein Blick auf die Tabelle vor dem Spiel, kann helfen ein Spiel besser einzuschätzen. Natürlich sind hitzige Situationen nie auszuschließen und darauf sollte man als Schiedsrichter auch immer gefasst sein, um dann korrekt zu entscheiden. Grundsätzlich ist wichtig, die Situation genau zu beobachten und nicht zu versuchen, gerade bei Rudelbildungen, körperlich dazwischen zu gehen.
Chili: Wird das Amt des Schiedsrichters respektiert, oder weicht die Rolle des Spielleiters des Öfteren der eines Sündenbocks?
Jochen Julino: Meiner Erfahrung nach ist es sehr unterschiedlich. Der Respekt seitens der Trainer, Betreuer und Spieler ist doch größtenteils vorhanden. Auch wenn es während des Spiels meist verschiedene Ansichten gibt, ist der Umgang vor und nach dem Spiel kein Problem. Doch gerade bei Spielen, die in der Endphase durch Platzverweise, Elfmeter, entscheidende Tore oder sonstige Situationen nochmal dramatisch werden, ist es oft der Fall, dass der Respekt auch nach dem Spiel komplett verloren geht. Am Spielausgang ist dann natürlich immer nur der Schiedsrichter schuld. Da kann die Entscheidung davor noch so korrekt gewesen sein. Von Zuschauern möchte ich bei dieser Frage gar nicht erst sprechen.
Chili: Was sind die schönsten Momente des Fußballs aus Sicht eines Schiedsrichters?
Jochen Julino: Ganz klar die Gratulation für eine souverän geleitete Partie von allen Parteien nach dem Spiel. Aber auch faire Gesten und tolle Spiele und Tore stehen ganz weit oben. Nicht zu vergessen sind speziell für den Schiedsrichter auch die Situationen, bei denen er auf Vorteil entscheidet und diese dann optimaler weise zum Tor führen.
Chili: Ist die Tatsache, ein junger Schiedsrichter zu sein, ein Vor- oder eher ein Nachteil bei der Ausübung der Schiedsrichtertätigkeit?
Jochen Julino: Ich denke, es ist eher ein Vorteil im jungen Alter mit dem Pfeifen anzufangen. Natürlich ist es als junger Schiedsrichter schwerer, sich auf dem Platz Respekt zu verschaffen. Da man jedoch generell mit Jugendspielen anfängt, kann man in diese Rolle jedoch relativ gut reinwachsen. Mit jedem Spiel gewinnt man enorm an Erfahrung dazu. Als junger Schiedsrichter wird man oft auch von erfahrenen Kollegen zu Spielen als Schiedsrichter-Assistent mitgenommen. Hier kann man sich ebenfalls einiges von den alten Hasen abschauen. Die Chancen, später dann auch mal in höheren Ligen eingesetzt zu werden, sind ebenfalls größer, wenn man früh anfängt. Und vielleicht reicht es dann ja auch irgendwann mal für die Bundesliga...
Jens Wacker