Mit Funktionsunterwäsche zum Elternabend

Outdoor-Vergnügungen sind in Mode. Immer mehr Stadtmenschen üben sich darin, die Himmelsrichtung nicht mehr am Navi, sondern an der Breite von Baumringen abzulesen. Was hierbei zum Ausdruck kommt, ist eine stille Sehnsucht nach Natürlichkeit und echtem Erleben.

Wenn Kinder die Kühltruhe für den natürlichen Lebensraum des Huhnes halten, hat nicht der Bio-Lehrer versagt. Schuld ist das domestizierte Leben in Häuserschluchten, in dem sich die ungezähmte Natur meist nur in Form eines Kressetopfes auf dem Fensterbrett blicken lässt. Wenn sich das Naturerleben der Nachkommenden aber darin erschöpft, Kresse auf die Suppe zu streuen, ist es kein Wunder, wenn sie Hühner für Eisvögel halten. Um mit dem kindlichen Urteil aufzuräumen, müssen sich Pädagogen darum einiges einfallen lassen. Der Besuch einer Hühnerfarm allerdings kann der Überzeugung der Kleinen vermutlich kaum abhelfen, dass es die gefiederten Zwischenmahlzeiten in der Kühltruhe doch eigentlich besser hätten.

Die Naturferne des modernen Lebens berührt aber nicht nur Kinder. Auch Erwachsene haben den Spinat selten anders denn als gefrorenen Quader gesehen, wollen aber dennoch nicht alles Zivilisierte für das wahre Leben halten. Von den eisigen Höhen, schroffen Abhängen und reißenden Flüssen der natürlichen Außenwelt können zwar auch wir nur träumen, doch gibt es einen Ausweg – nämlich in Gestalt von Outdoor-Kleidung. Drei Lagen Gore-Tex, sind sie erst einmal um den Leib gewunden, machen jede Berührung mit der außerhäusigen Umgebung zum Abenteuer per Kleiderwahl. Sogar beim Elternabend, noch öfter aber beim Sonntagsspaziergang wollen immer mehr Zeitgenossen auf Funktionsunterwäsche ebenso wenig verzichten wie auf die Bergsteigerjacke mit Rückenprotektoren und Karabinerösen. 

Psychologisch ist die Lust am verwegenen Auftritt leicht zu erklären. Immerhin musste der Mensch Jahrtausende lang mit Mammuts und Säbelzahntigern rangeln, bevor sich schlagartig erwies, dass die Gefahren nicht in Wäldern, sondern in den Glaspalästen der Finanzindustrie lauern. Funktionsunterwäsche stellt daher, auch wenn es ihr nicht anzusehen ist, eine letzte Verbindung zwischen der Menschheit und einer Außenwelt dar, die sich hinter unseren Steinfassaden nur verbirgt. Die Sehnsucht, mit etwas anderem kämpfen zu dürfen als mit der Gebrauchsanweisung des DSL-Anschlusses, sie ist allgegenwärtig.

Dass die Natur für immer wegzivilisiert sein könnte, ist allerdings gar nicht zu befürchten. Gerade ruft sie sich mit dem Klimawandel in Erinnerung, wie auch durch Tsunamis, Hochwasser und Dürreperioden. Outdoor-Bekleidung könnte also durchaus noch eine Bedeutung erlangen, die wir uns bei unseren Waldspaziergängen nie gewünscht haben. Dass die richtige Kleidung für den Fall der Fälle schon vorhanden ist, stimmt dennoch zuversichtlich. (rr)