Lebendige Lederindustrie - Harte goldene Zeiten

Ein Verein zur Geschichtspflege ist eine sehr lebendige Art der Zeitreise. Zum Verein für Wirtschafts- und Sozialgeschichte Wormser Lederindustrie, schlossen sich im Jahr 2001 ehemalige Beschäftigte und Nachkommen der Wormser Lederbarone Heyl, Doerr und Reinhart zusammen. Durch Sammlung von Werkzeugen, Mustern und Dokumenten, Ausstellungen und Exkursionen will der Verein die Wormser Lederzeit vor dem Vergessen bewahren.

Im Keller einer Wormser Schule befindet sich das Vereinsarchiv unter der Obhut von Horst Rettig, der bei Doerr und Reinhart alle Arbeitsstufen der Lederherstellung durchlief: von der Anlieferung der blutigen Häute bis zur Hochglanzlackierung feinsten Schuhleders. „Eine harte Arbeit“, sagt er. Doch den Umgang mit dem Leder liebt er heute noch. Immerhin gelang es, aus einem vergänglichen Naturprodukt genormte Luxusartikel anzufertigen.
In einem nüchternen Raum lagern Schabemesser und Zangen, ein altertümlicher Lederball, Plakate und Firmenzeitschriften in Sütterlin aus 140 Jahren Lederindustrie. 64 teils hochbetagte Mitglieder zählt der Verein, das älteste ist 102 Jahre alt. Zweimal pro Jahr findet ein Lederarbeiterstammtisch mit echtem Doerr‘schen Kantinengeschirr statt. Immer wieder ist dabei Thema, warum es mit der Lederindustrie bergab ging, berichtet Organisator Karl Saulheimer. Ein Dokumentationsprojekt soll Lebenserinnerungen auswerten, so lange die Zeitzeugen noch Auskunft geben können. Dem Engagement des Vereins ist auch die Sammlung Lederindustrie im Museum Andreasstift zu verdanken.

Worms war Lederindustrie

Denn die Zeit der Lederarbeiter, so hart sie war, steht in Worms hoch im Kurs. Noch zu Napoleons Zeiten ein bedeutungsloser Flecken, wuchs die ehemalige Reichsstadt seit Gründung der Lederwerke (ab 1834) bis 1914 auf rund 50.000 Einwohner. Die Lederindustrie wurde Motor der Modernisierung und größter Arbeitgeber: 1910 waren 9.000 Wormser in den Werken beschäftigt. Worms wurde für Produkte wie Nibelungen-Kid weltweit bekannt.
Bekanntermaßen war das frühkapitalistische Arbeiterdasein kein Zuckerschlecken: Kindersterblichkeit, beengte Wohnverhältnisse und Armut sind nur einige Schlagworte. Als verantwortungsvolle, langfristig denkende Firmenpatriarchen sorgten Heyl, Doerr und Reinhart im Wetteifer miteinander für ihre Arbeiter: für Krankenversicherung, Kinderbetreuung, Wohltätigkeit und Wohnungsbau, ja selbst für Geschäfte und eine werkseigene Währung. Vor allem die geadelte Familie Heyl unterstützte den Bau prägender Gebäude in Worms, etwa der alten Rheinbrücke oder des Wasserturms.

Emotionale Lücke

Durch billigere Konkurrenz und laxere Umwelt-auflagen in anderen Ländern war die deutsche Lederindustrie spätestens in den 60er Jahren nicht mehr konkurrenzfähig. In den 70er Jahren schloss das letzte Wormser Lederwerk. Viele Arbeiter kamen in der chemischen Industrie unter. Andere Firmen, vor allem aus Chemie und Logistik, sicherten Worms eine gewisse Bedeutung als Wirtschaftsstandort. Doch der Verlust der Lederwelt hinterließ in Worms eine Lücke.

Auf diese zielen die Aktionen des Vereins. Eine vom Verein wiedergefundene Drachenskulptur der Doerr und Reinhart Werke soll 2010 beim Einkaufszentrum WEP aufgestellt werden. Eine komplette Neuschöpfung dagegen ist der Lederarbeitertanz, der auf dem Backfischfest von Schülern des Gauß-Gymnasiums aufgeführt wird – und dem auch die ehemaligen Arbeiter gerne zusehen: Geschichte bleibt lebendig, so lange sich Menschen als Zeitzeugen finden.

Dr. Regina Urbach

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