Kommentar - Never change an running system! Oder?

Routine ist ein gefährlicher Zustand, so könnte man annehmen. Kaum ein Begriff löst so zwiespältige Reaktionen hervor. Zum einen ist er Synonym für Langeweile, ausgetretene Pfade, überbordender Alltag mit erdrückender Enge. Nichts Neues, keine Herausforderung, das Abspulen von immer Gleichem. Routine eben.

Andererseits ist ein Ausbruch aus der Routine in mancherlei Hinsicht der Anfang vom Super-Gau. Wenn in der Weltraumtechnik eine Kleinigkeit außerhalb der Routine verläuft, dann hat Houston ein Problem. Routine ist ein Begriff der IT-Branche, in der sie – eben jene Routine – durchaus erwünscht ist. Ein routinierter Handballspieler verfügt über viel Erfahrung - auch dort kein Nachteil. Schön ist, wenn die Routine im Geschäftsleben die Gewinnspanne vergrößert. Fehler und unnötige Schleifen, Umwege, Rückfragen oder sogar zerschlagene Verbindungen mindern nur unnötig das finanzielle Ergebnis. Routiniert – nicht passiert. 

Und doch hat die Routine einen faden Beigeschmack. Nicht selten liest man gerade in der Werbung, dass man die Routine unterbrechen soll, nach Auswegen aus der Routine suchen muss, Urlaub vom Alltag, neue Pfade und andere Aufforderungen, Gewohntes zu vergessen und Anderes zu probieren, zu konsumieren, um dann jedoch beim Neuen zu bleiben. Die Bitte an die Zielgruppe lautet: Die neuen Produkte, Dienstleistungen oder Angebote zur Routine zu machen. Somit ist der Alltag aufregend und schön.

Was ist davon zu halten? Ist Routine wünschenswert, eine Erleichterung im Time Management oder das Ende der Jugend, der Freiheit und das Stoppschild auf der Route 66? Routine wird dann problematisch, wenn die Sinne nicht mehr geschärft sind. Gefahr droht, wenn neue Möglichkeiten, neue Chancen und lohnenswerte Trends beim Erledigen in gleicher und gewohnter und unreflektierter Manier nicht mehr wahrgenommen, verpasst und verpennt werden. 

Routine ist nicht das Problem, sondern das Ausschalten der Aufmerksamkeit bei der Verrichtung routinemäßiger Aufgaben. Wenig zukunftsorientiert sind diejenigen, die Routine und Tradition als das in Stein gemeißelte und unverrückbare Bewahren aller – auch schlechter – Gewohnheiten verstehen. „Das war schon immer so“ ist das Ende allen Fortschritts. Tatsächlich ist wirklich der routiniert, der denkt. Und wer denken kann, ist und war im Vorteil. Bei aller Routine.

Ira Schreck

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