Kennen Sie Katharina?

„Kennen Sie Katharina?“ „Wen meinen Sie?“ „Katharina. Sie wohnt hier in der Nachbarschaft. Eine große, dunkelhaarige Frau. Mitte 30 etwa. Sie geht häufig mit einem Hund spazieren. So ein Mischling, dunkles Fell und lange Schnauze.“ „Ach, ich glaube, ich weiß, wen Sie meinen. Ist sie nicht über vier Ecken mit Schröders verwandt? Sie wissen doch, der Elektriker Schröder.“ „Den Schröder kenne ich, aber ob Katharina mit ihm verwandt ist, weiß ich nicht.“ „Warum fragen Sie nach ihr?“ „Ich habe sie schon längere Zeit nicht mehr gesehen.“ „Kennen Sie sie näher?“ „Nein.“ „Vielleicht ist sie in Urlaub oder einfach weggezogen.“ „Hhm. Wissen Sie, vor ein paar Wochen habe ich sie auf einer Bank sitzen sehen. Da drüben. Neben der Bushaltestelle. Sie weinte. Ihr Mann hatte sie geschlagen. Sie war in einem erbärmlichen Zustand.“ „Geschlagen, sagen Sie? War sie verletzt?“ „Ja. Sie sah schlimm aus. Wie schlimm die körperlichen Verletzungen waren, kann ich nicht beurteilen. Offensichtlich war es auch nicht das erste Mal.“ „Und dann? Wie haben Sie reagiert?“ „Na ja, ich war schockiert und wusste erst einmal nicht, was ich machen sollte. Außerdem, was soll man da sagen. Ist ja unvorstellbar, dass ein Mann seine Frau so zurichtet. Sie blutete, war ganz verquollen und hatte viele rote Stellen. Dann habe ich sie ins Auto gepackt und zu meinem Arzt gefahren. An der Rezeption habe ich den wahren Grund der Verletzungen angegeben. Man weiß ja nicht, ob sie sich dem Arzt wirklich anvertraut. Aber ich wollte einfach sicherstellen, dass irgendetwas unternommen wird. Ob das richtig war, weiß ich auch nicht.“ „Was passierte dann?“ „Genau das weiß ich nicht. Seitdem habe ich sie nicht mehr gesehen.“ „Haben Sie beim Arzt einmal nachgefragt?“ „Ja, aber Sie können sich ja denken, dass ich natürlich keine Auskunft erhalten habe. Ist ja auch richtig. Die Arzthelferin hat mich nur so komisch angesehen, als ob ich das Schwein gewesen sei. Als ich etwas sagen wollte, drehte sie sich weg. Ist mir aber auch egal, was sie denkt. Ich konnte die arme Frau ja nicht da sitzen lassen, nur damit niemand auf falsche Gedanken kommt.“ „Vielleicht ist Katharina im Krankenhaus. Oder im Frauenhaus.“ „Gibt es hier ein Frauenhaus?“ „Damit habe ich mich noch nie beschäftigt. Ich glaube, ich habe mal darüber gelesen, dass es hier ein solches Haus gibt. Sie stecken immer in finanziellen Schwierigkeiten – ich glaube, darum ging es in dem Artikel. Soweit ich weiß, wird der Ort immer geheim gehalten, damit die Frauen, die auf der Flucht sind, geschützt sind.“ „Verstehe ich. Wahrscheinlich ist sie wirklich einfach jetzt in Obhut und man kümmert sich um sie. Trotzdem wüsste ich gerne, wie es ihr geht.“ „Ich nun auch. Seltsam, dass so etwas hier passiert. In der Nachbarschaft. Wer hätte das gedacht.“