Glaubenskämpfer

Es war einmal eine kleine Stadt, die für sich in Anspruch nahm, idyllisch, gemütlich, freundlich und ganz und gar zauberhaft zu sein. Sie lag in einer der schönsten Gegenden weit und breit. Die Menschen lebten gerne in ihr und waren zufrieden und friedfertig. Weil die schöne Stadt eben sehr von ihrer Schönheit überzeugt war, bewahrte man alles, was für sie typisch war. Häuser, Straßen, Lampen - und auch die Denkweise. Bewahrende Traditionen wurden zur Religion.

Das kleine schmucke Städtchen mit seinen freundlichen Bewohnern war überall beliebt.Gerne lenkte man seine Wege dorthin, verweilte in der schönen Innenstadt, trieb Handel, machte Urlaub und plauderte mit den netten Bewohnern. Sie waren so nett, dass man sie zu Freunden machte, manche verliebten sich in Stadt und Menschen und blieben. Die Stadt wuchs. Mit der Größe und der Zeit kam die Schnelligkeit. Aus Schnelligkeit und Größe entstanden Probleme. Die Stadt war einfach für den Trubel nicht gemacht. Weder für die vielen Menschen, die durch sie hindurch eilten, immer mehr Handel trieben, versorgt und unterhalten werden wollten, noch für die Schnelligkeit, in der alles gleichzeitig geschehen sollte. Das Leben wurde komplizierter, weniger beschaulich und egozentrischer.

Und weil die urbane Enge dem gewohnten Freiraum den Kampf ansagte, verloren die Menschen Relation und Balance. Alte Handelswege reichten nicht mehr aus, schöne Wohnviertel verloren ihren Charme und Plätze der Begegnung büßten ihre Zentralität und Bedeutung ein. Die Zeit veränderte die Realität schneller und umfassender als die Wahrnehmung der Menschen. Die bewahrende Tradition wollte die Dinge unverändert belassen und hielt nur noch fliehende Schatten der einstigen Schönheit in Händen. Das Leben drehte weiter an den Zuständen, die dem Charakter der Stadt und dem Willen der Bewohner entgegenliefen.

Als der Mangel offensichtlich wurde, musste ein Weg zwischen Bewahren, Tradition und Zukunft gefunden werden. Aber wie das so ist, wenn viele Menschen eine Entscheidung treffen müssen, die ins Ungewisse zielt: Sie finden keinen gemeinsamen Weg. Selten ist für alle das Ziel eindeutig dasselbe – manchmal sogar nicht einmal dasgleiche. Unbestritten war nur der Wille zur Verbesserung. Aber wie? So strebten einige Neues an, manche anderes und andere wollten einfach zurück in die schöne alte Zeit. Und da das Ziel nicht zu bestimmen war, konnten Weg und Richtung nicht gefunden werden. Die freundlichen Menschen aus der gar nicht mehr so kleinen Stadt stritten miteinander. Niemand wusste wirklich, wer Recht oder Unrecht hatte. Viele Argumente wurden hin und her geschoben. Keiner konnte sie überprüfen, denn alle lagen in der Zukunft.

Jetzt geschah etwas, was ungewöhnlich war für die freundlichen Menschen der einst wunderschönen Stadt: Sie wurden unfreundlich. Sie spalteten sich in mehrere Lager und stampften mit den Füßen auf. Sie zeigten mit Fingern aufeinander und stolzierten durch die Straßen wie kampfwillige Hähne. Sie redeten übereinander und hörten nicht mehr zu. Die Stadt war nicht mehr wiederzuerkennen. Es musste eine Entscheidung her. So kamen die Menschen darauf, abzustimmen. Es wurde gerungen, gebuhlt, geworben und gekämpft. Man war dafür oder dagegen. Die Bewohner schlossen sich in Glaubensgruppen zusammen und zelebrierten ihre Religion des Bewahrens oder der Veränderung. Sie stritten um Unsichtbares, holten längst Vergessenes hervor und redeten von Dingen, die vielleicht, noch nicht oder nie stattfinden würden.

Und zum Schluss trafen sie alle gemeinsam eine Entscheidung. Mit Gewinnern und Verlierern, mit Zweiflern und Optimisten, mit Besserwissern und Skeptikern. Und alle liebten ihre Stadt, in der sie wohnten. Sie taten, was getan werden musste. Dabei hatten sie sich näher kennen gelernt. Es waren neue Bündnisse entstanden, aber auch tiefe Gräben ausgehoben, die es wieder zu überbrücken galt. Mit vielen Gedanken um eine Zukunft, in der alle leben können.

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