Frühkindliche Bildung und Förderung

Inwiefern soll mein Kind gefordert und gefördert werden?

Seit Jahren diskutieren Eltern und Experten kontrovers darüber, wie der Nachwuchs im frühen Kindesalter am besten gefördert werden kann. Dies reicht vom Erlernen von Fremdsprachen über Mathematikunterricht im Kindergarten bis zur Mitgliedschaft in mehreren Sportvereinen und der Musikschule. Doch wie viel Förderung ist im frühen Kindesalter sinnvoll? Für welche Aktivitäten lohnt es sich, das spielerische Treiben der Kinder zu unterbrechen und wann überlasten Eltern ihre Kinder?

Chili hat Eva-Maria Maier, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und Multiplikatorin für den Hessischen Bildungs-und Erziehungsplan, zum Thema befragt.

Chili: Wie lernen Kinder? Eva-Maria Maier: Kinder (und auch Erwachsene) lernen ständig. Dies geschieht teilweise durch gezielte Lernangebote, sehr viel mehr jedoch durch den Alltag und die Anforderungen, denen wir dabei ausgesetzt sind. So lernt ein Kind sprechen, da es beteiligt sein möchte und den ganzen Tag erfährt, wie Sprache gelebt wird und welchen Nutzen es davon hat, sich sprachlich ausdrücken zu können. Kinder lernen am meisten, wenn sie emotional beteiligt und selbst aktiv sind und ihren eigenen Ideen und Impulsen nachgehen können. Chili: Wie viele Ruhepausen benötigt ein Kind am Tag? Eva-Maria Maier: Grundsätzlich braucht jedes Kind Zeiten, in denen es mit anderen in Kontakt ist und Zeiten, in denen es für sich selbst zur Ruhe finden kann. Ideal ist, wenn Kinder möglichst häufig ihren Impulsen und Bedürfnissen selbstbestimmt folgen können, wenn sie Freiräume finden, in denen sie auch in vorgegebenen zeitlichen Strukturen manches eigenständig entscheiden können. Dies hieße für das Lernen beispielsweise, dass sich feststehende Kurszeiten unbedingt mit freien Spielzeiten abwechseln sollten.

Chili: Woran können Eltern erkennen, dass ihr Kind überfordert ist und was können die negativen Folgen einer zu intensiven Förderung des Kindes sein? Eva-Maria Maier: Gefahren zu intensiver Förderung bestehen darin, dass Kinder das Gefühl bekommen, sie seien nur dann etwas wert, wenn sie eine bestimmte Leistung erbringen. Daraus resultiert, dass sie sich irgendwann selbst nur noch darüber definieren, was sie können und dabei ein gesundes Gefühl zu ihrem Wert an sich, als Mensch verlieren. Manche Kinder verlieren die eigenständige Lust am Entdecken, den Mut, selbst etwas auszuprobieren und Erfahrungen zu machen und die Fähigkeit, selbst Ideen zu entwickeln. Zeichen von Überforderung können dann allgemeine Unausgeglichenheit, Reizbarkeit, Weinen und Quengeln oder Unlust sein. Chili: Welche langanhaltenden positiven Effekte können Eltern mit der frühen Förderung ihres Nachwuchses erzielen, wenn diese in einem angemessenen Maße erfolgt? Eva-Maria Maier: Bei einer auf das einzelne Kind gut abgestimmten Förderung erlebt das Kind schon früh die Freude daran, etwas zu entdecken, etwas zu können, Fähigkeiten auszubauen und auch Ziele zu erreichen. Es entwickelt Gefühle von Selbstbewusstsein und Selbstwirksamkeit. Neben dem Aufbau von Fähigkeiten und Wissen bietet dies eine gute Basis für lebenslanges und eigenverantwortliches Lernen.

Chili: Welche Formen der Frühförderung wie Sprach-, Musik- oder Sportunterricht bieten sich im frühen Kindesalter an? Eva-Maria Maier: Bei all diesen Möglichkeiten kommt es immer darauf an, in welchem Rahmen sie stattfinden. Es gibt kein allgemeingültiges Rezept. So kann ein Kind im Turnverein klettern lernen oder auch an den Bäumen im heimischen Garten. Idealerweise lernen Kinder in festen Strukturen und in freien Erfahrungswelten. Sinnvoll ist, dass in Kindertageseinrichtungen der Blick mehr auf die frühkindliche Bildung gelenkt wird. Wenig hilfreich ist jedoch, dass manche Eltern denken, sie müssten bereits ihr Kleinkind an möglichst vielen Kursen teilnehmen lassen. Musikunterricht für Einjährige macht beispielsweise in den wenigsten Fällen Sinn. Chili: Sollte ich meinem Kleinkind also lieber kein Musikinstrument in die Hand geben und es nicht in den Musikunterricht schicken? Eva-Maria Maier: Gerade bei Musik lohnt es sich, nicht nur an Unterricht zu denken, sondern an Musikerleben. Dies beginnt mit dem Gutenachtlied, dem gemeinsamen Singen oder auch damit, gemeinsam einem Straßenmusikanten zuzuhören und dem Kind Zeit zu lassen, mitzutanzen. Ein Kind, das schon einmal ein Konzert gehört und ein Orchester gesehen hat, vielleicht sogar Eltern hat, die ein Instrument spielen, wird einen anderen Zugang zum Unterricht bekommen. Dies ist die Basis und ob ein Kind dann mit vier, mit acht oder mit zwölf Jahren den ersten Unterricht erhält, ist nachrangig.

Chili: Wann und unter welchen Umständen macht das Erlernen von Fremdsprachen im Kindesalter Sinn? Eva-Maria Maier: Dies ist wie immer situationsabhängig. Viele Kinder wachsen zwei- und sogar mehrsprachig auf. In manchen Ländern gehört es zum Alltag, dass mehrere Sprachen gesprochen werden und Kinder wachsen selbstverständlich in diese Vielsprachigkeit hinein. Sie besitzen also grundsätzlich die Fähigkeit dazu, mehrere Sprachen zu erlernen. Hier gilt ebenfalls: Je natürlicher und eingebundener in das alltägliche Leben das Erlernen von Fremdsprachen stattfindet, desto sinnvoller ist es. Chili: Gelten diese Regeln auch für sportliche Aktivitäten? Wie fördern Eltern ihr Kind am besten in diesem Bereich? Eva-Maria Maier: Sportliche Aktivitäten sollten damit beginnen, dass ich meinem Kind mit seinen Bewegungsimpulsen Raum gebe. Als Eltern sollte ich es aushalten, wenn mein Kind rennen will und nicht hinterher rufen: „Nicht so schnell, du fällst hin“. Sport ist nicht nur der Turn- oder Fußballverein, sondern auch das gemeinsame Radfahren, Wandern, Schwimmen oder Ball spielen. Je weniger natürliche Bewegungsmöglichkeiten ein Kind in seinem alltäglichen Umfeld hat, desto früher kann die Anbindung an einen Sportverein sinnvoll sein. Die positiven Effekte von Sportvereinen bestehen unter anderem im Gruppenerleben und daher ist die Anbindung an einen solchen Verein auch eine Bereicherung. Dies muss jedoch ebenfalls nicht unter allen Umständen bereits mit zwei Jahren beginnen, sondern kann auch noch mit zehn Jahren sinnvoll sein. Entscheidend sind immer die Lebensumstände jedes einzelnen Kindes.

Das Interview führte Nadine Baumann

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