Freizeitstress - wenn Nichtstun ein Fremdwort ist

Frau Greb* ist unternehmungslustig, sie ist gerne unterwegs und will etwas von der Welt sehen. Außerdem hat sie Familie, Job und Haushalt. Alles will erledigt werden, die Kinder müssen zum Handballtraining und zum Reiten gebracht, die Wäsche muss gebügelt und der Rasen gemäht werden, einmal in der Woche besucht sie einen Spanischkurs, vor einigen Tagen ist ein neuer Kinofilm mit ihrem Lieblingsschauspieler angelaufen und das tolle Gartenfest bei ihrer Schwester will sie auch nicht verpassen. So oder so ähnlich sieht es bei vielen Menschen aus. Hundert Termine, am besten alle gleichzeitig! Wen wundert es, dass da selbst die Yogastunde zu einem hektischen Unterfangen wird? Doch wer vor lauter Stress keine Zeit zum Entspannen findet, der findet später einmal keine Entspannung mehr.

Hinzu kommt, dass es gesellschaftlich akzeptiert und geradezu anerkannt ist, ständig im Stress und schwer beschäftigt zu sein. In Wirklichkeit ist das jedoch ein Teufelskreis, der immer schwerer zu durchbrechen ist. „Je länger man auf Erholung verzichtet hat, desto schwieriger wird es, sich dann irgendwann doch mal zu entspannen“, erklärt der Freizeit-Psychologe Professor Henning Allmer von der Deutschen Sporthochschule in Köln.

Häufig wird der Feierabend, das Wochenende und sogar der ganze Urlaub verplant. Die Folge: Selbst der Urlaub bietet dann keine Erholung mehr. Ausgebrannt und abgeschlagen ohne wirklich abgeschaltet zu haben, kehrt man dann aus der ohnehin zu kurzen Auszeit wieder zurück. Deswegen sollten Prioritäten, im Alltag als auch in der Freizeit, gesetzt werden. Bevor wir bei einer Verabredung ständig auf die Uhr gucken und mit unseren Gedanken schon längst beim nächsten Termin sind, sollten wir die Anzahl unserer diversen Vorhaben lieber reduzieren. Weniger ist manchmal mehr. Schließlich soll Freizeit Spaß machen!

Auch und gerade für den Urlaub gilt: Jeder sollte für sich herausfinden, wobei er sich am meisten entspannt. Der eine geht joggen, der andere versenkt sich in Meditation. „Es gibt unter den Menschen die Rennpferde, die immer mit einer höheren Drehzahl laufen, und die Schildkröten, die es ruhiger angehen und schneller gestresst sind“, verdeutlicht Professor Allmer die unterschiedlichen Typen. 

Nichtstun ist nicht nur erlaubt, es wird vom Körper sogar gewünscht. Und dabei beschränkt sich Nichtstun - auch wenn es zunächst schwer fällt - wirklich auf das nichts Tun. Einfach nur dahin sinnieren, den Gedanken nachhängen und sich und den Körper so richtig fallen und die Zeit vorbeiziehen lassen, ohne dabei auf die Uhr zu sehen, von nichts und niemandem gestört werden und das Mobiltelefon ausschalten. So können wir Kraft und Energie tanken und uns regenerieren, um dem Alltag wieder gewachsen zu sein.

Warum fällt uns das nur so schwer? Wir scheinen es in unserem Alltag verlernt zu haben, weil wir zu oft im berühmten Hamsterrad laufen und funktionieren. Immer darauf bedacht, möglichst viel möglichst perfekt zu machen. Dieses Handeln kann zum gesundheitsschädigenden Zwang werden, der jedes Abschalten verhindert und uns stattdessen weiter vor uns her treibt. Vielleicht wissen wir aber auch nicht, wie wir bei all dem Lärm und Aktionismus um uns herum die Stille ertragen sollen, wenn wir wirklich auf alle Zerstreuung verzichten und einfach einmal gar nichts tun.

Übrigens: Frau Greb hat irgendwann innegehalten. Verplanen war früher, planen ist heute. Sie behält sich selbst täglich ein kleines Zeitkontingent vor und füllt dadurch ihre Reserven auf, bevor sie restlos aufgebraucht sind. „Ich muss nicht mehr auf allen Hochzeiten tanzen“, stellt sie erleichtert fest.

* Name geändert
Jaleh Nayyeri 

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