Engagement trifft auf Wirklichkeit

Ein Nachbarschaftsort im Ausnahmezustand

Verbrannte Erde. Tausende kleine und große Bauteile, die ehemals Gastanks bildeten, liegen verstreut in der Landschaft. Ein Ort in Schockstarre. Es ist der 28. September 2013. Die Bilder, die in den folgenden Tagen durch die Presse gehen, zeichnen eine Szenerie, die - wüsste man es nicht besser - wohl eher in einem Kriegsgebiet denn in der eigenen Nachbarschaft vermuten würde. Es geschah nicht irgendwo weit weg in einem industriellen Ballungsgebiet, sondern hier ganz in unserer Nähe auf dem Land. Es sind die Bilder und Berichte aus Harthausen, die die Menschen der Region gleichermaßen bewegen, als auch auf eine beklemmende Art und Weise ratlos zurücklassen. Wie konnte so ein Unglück geschehen? Warum mussten sich die vielen Hilfskräfte derart in Gefahr begeben? Wie konnte es soweit kommen, dass 16 Feuerwehrleute, teilweise sogar schwer verletzt wurden? Ist etwa die Ruhe, das Idyll ländlicher Räume trügerisch?

Klar ist nicht erst seit dem 28. September 2013, dass auch der ländliche Raum Gefahrenherde bereit hält, die nicht zwingend auf den ersten Blick als solche wahrgenommen werden. Neben gewerblichen Strukturen, deren Betriebsabläufe meist von der Verwendung gefährlicher Chemikalien begleitet werden, liegen nicht selten Biogasanlagen, Düngerreservoirs und ähnliches quasi in der direkten Nachbarschaft. Es sind die Abweichungen von der Norm, die die potentiellen Einsatzgebiete der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BDBOS) zu mittleren bis großen Wundertüten erwachsen lassen. Um dieser Unsicherheit entgegenzutreten, folgt die Ausbildung der ehrenamtlichen Helfer jener Organisationen hohen Standards. Alle Einsatzarten werden trainiert und in Fach- und Sondereinheiten vertieft. Ein hoher Ausbildungs- und Spezialisierungsgrad kann das Unbekannte, den Ausreißer von der Norm allerdings nicht verhindern. Zufall und Unvorhersehbarkeit bleiben die größten Gegenspieler der Hilfskräfte.

So etwas wie eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Letztendlich muss jede Hilfskraft für sich selbst überprüfen, ob die Gefährdung der eigenen Gesundheit tatsächlich in der speziellen und sich immer anders darstellenden Situation angemessen ist, oder eben nicht. Eine Entscheidung, die oftmals in nur wenigen Sekunden zu treffen ist. Jeder kann in eine Notlage kommen und die Hilfe von gut ausgebildeten Helfern benötigen. Eine optimale Schutzbekleidung und das beste Gerät, die bestverfügbare Ausrüstung muss von uns, von der Gemeinschaft, zur Verfügung gestellt werden. Die Hilfskräfte der BOS stellen im Gegenzug ihre Freizeit und im Ernstfall ihr Leben in den Dienst der Gemeinschaft. Die Würdigung dieses Engagements und dieser Hingabe ist sicherlich ausbaufähig. Auch seitens der Politik. Ein Ehrenamtstag reicht da nicht. Die Schicksale der verletzten Feuerwehrleute aus Harthausen erfordern zweifelsfrei unser aller Aufmerksamkeit. Den Betroffenen und ihren Familien gilt unser Mitgefühl und unsere uneingeschränkte Unterstützung, nicht nur an Weihnachten! Jens Wacker

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