Ein kleines Plus

Das Wörtchen Plus ist im Allgemeinen positiv behaftet und steht für einen Vorteil oder Zusatz. So soll auch das Pluas der neuen Schulform, der Realschule Plus, für mehr Bildung, Förderung und Chancen stehen.

Doch hat diese Schulform ihr Plus verdient?

In Rheinland-Pfalz starteten 2009 122 Schulen, in denen sich nun der Berufsreife- und der Realschulbildungsgang unter einem Dach befinden. Diesen Sommer sollen weitere 50 folgen. Laut dem Statistischen Landesamt wechselten zum Schuljahr 2009/10 20,6 Prozent der Grundschüler an eine der neu eingerichteten Realschulen Plus. Der prognostizierte Ansturm auf die Gymnasien blieb weitestgehend aus. Der Gymnasialanteil wuchs lediglich um 0,7 Prozentpunkte, womit im Sommer 2009 38,3 Prozent der Grundschüler an ein Gymnasium wechselten.

Die bisherigen Anmeldungszahlen für das Schuljahr 2010/11 zeigen für die Realschulen Plus in der Pfalz zwar kleinere Einbrüche, die Zahl der Schulwechsler auf die Gymnasien aber keinen rasanten Anstieg. Es scheint, dass Eltern und Kinder der neuen Schulform trotz anfänglicher Bedenken einiges an Potenzial beimessen.

Der größte Pluspunkt ist die Durchlässigkeit, denn die Schule bietet mit ihrem Konzept viele Aufstiegschancen. Innerhalb der neun Schuljahre gibt es immer die Möglichkeit, in den höheren Bildungsgang und zum Abschluss der Mittleren Reife zu wechseln. In der Orientierungsstufe wird in der Realschule Plus nach der gleichen Stundentafel wie im Gymnasium unterrichtet, um so auch die Durchlässigkeit zwischen den Schularten zu stärken. Nach der zehnten Klasse besteht mit der Errichtung der Fachoberschulen die Chance, die Fachhochschulreife zu erlangen und danach ein Studium an der Fachhochschule zu beginnen. Für die schwächeren Schüler, die die Realschule Plus nach der neunten Klasse ohne Abschluss verlassen, soll das Projekt Keine(r) ohne Abschluss eine letzte Chance bieten und sie in einem zehnten Schuljahr zur Berufsreife führen. Um mehr individuelle Förderung zu garantieren und den Aufstieg für viele zu ermöglichen, wurde in der gemeinsamen Orientierungsstufe der Klassenteiler auf 25 Schüler abgesenkt. Darüber hinaus bekommt die Realschule Plus gegenüber der bisherigen Realschule deutlich mehr Lehrerstunden zugewiesen, sowohl für den Pflichtstundenbereich als auch für Fördermaßnahmen, um Schüler mit Leistungsrückständen zu unterstützen.

Das Konzept klingt gut, in der Umsetzung hapert es. Die Leistungsunterschiede der Schüler sind sehr groß, oftmals fehlen Lehrer, um den gestiegenen Anforderungen gerecht zu werden und die Förderkonzepte auch wie geplant umzusetzen. Dies ist aber bitter nötig, da mit dem Abbau der Hauptschule nicht die Hauptschüler und deren individuelle Bedürfnisse auf Förderung abgeschafft wurden. Leistungsschwächere Schüler gibt es immer und gerade sie drohen zu den Verlierern zu werden, da ihre individuelle Förderung oftmals vom Engagement der Lehrer vor Ort abhängt. Und diese haben mit der neuen Schulform auch zu kämpfen.
Die Vorurteile der Lehrer untereinander im zusammengeführten Kollegium erschweren den Betrieb und manch einer ist tatsächlich überfordert, denn mit den neuen Verhältnissen in den Klassen liegen vor den Lehrern große Aufgaben.

Eine weitere Gefahr besteht in der Tatsache, dass die Kinder immer, also in manchen Fällen auch trotz schlechter Noten, versetzt werden. Es gibt zwar die Möglichkeit des einmaligen freiwilligen Zurücktretens, aber dennoch kann es vorkommen, dass leistungsschwache Schüler, die immer wieder versetzt wurden, am Ende der neunten Klasse auf Grund der Wissenslücken die Kriterien für den Abschluss der Berufsreife nicht erfüllen. Darüber hinaus existiert der Hauptschulabschluss immer noch. Ob Schüler mit einem an der Realschule Plus erworbenen Hauptschulabschluss in der Wirtschaft mehr Chancen haben, wird sich zeigen.

Das Fazit:

Es muss noch viel getan werden, bisher verdienen die neuen Realschulen nur ein kleines Plus.

Nadine Baumann